Das Wappen Schorndorfs
   

2014 - Sina Trinkwalder

 

 

 

 

(Preisträgerin Sina Trinkwalder und Oberbürgermeister von Schorndorf, Matthias Klopfer,
Bild: © ZVW/Rainer Bernhardt)

Website Manomama: http://www.manomama.de/

Laudation für Sina Trinkwalder von Silke Krebs, Ministerin im Staatsministerium Baden-Württemberg

I. Begrüßung / Einleitung

Sehr geehrte Frau Rommel,
vielen Dank für Ihre Eröffnungsworte,
sehr geehrte Abgeordnete des Landtags,
liebe Frau Häffner,
sehr geehrte Frau Staatssekretärin von Wartenberg,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Klopfer,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der kommunalen Ebene sowie des Stiftungsrats und des Preisgerichts,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
und natürlich begrüße ich besonders herzlich die heutige Preisträgerin, Frau Trinkwalder.

Es ist mir eine besondere Freude, zu Ihnen heute hier in Schorndorf anlässlich der Verleihung des BarbaraKünkelin- Preises an Frau Sina Trinkwalder zu sprechen.

II. Historischer Hintergrund des Preises

Lassen Sie mich zu Beginn an die Heldinnentaten der Namenspatronin sowohl dieser Halle als auch des heute verliehenen Preises erinnern.

Wir schreiben das Jahr 1688. In Schorndorf ist es wenige Tage vor Weihnachten, aber an ein besinnliches Einstimmen auf die Festtage ist nicht zu denken.

In Folge des Pfälzischen Erbfolgekrieges zieht die französische Armee gewalttätig durch Württemberg.

Die Ehefrau des damaligen Bürgermeisters, Barbara Künkelin (die damals noch Walch hieß) erfährt, dass der Schorndorfer Magistrat - in pflichtgemäßer Loyalität gegenüber der Stuttgarter Regierung - den Kapitulationsbefehl bestätigt hat.

Daraufhin fasste sie sich ein Herz und trommelte die Frauen der Stadt zusammen, um den Widerstand zu organisieren.

Mit den damaligen Waffen einer Frau, also scharfkantigen und spitzen Werkzeugen aus Küche und Garten, vor allem aber mit viel Entschlossenheit machten sich die Schorndorfer Frauen unter Führung von Barbara Künkelin auf den Weg Richtung Rathaus.

Dort angekommen zwangen sie die versammelten Ratsherren eindringlich ihren Kapitulationsbeschluss zurückzunehmen und übernahmen die Macht im Rathaus. Barbara Künkelin soll ihrem eigenen Mann sogar gedroht haben, ihn als Verräter eigenhändig umzubringen, wenn er für die übergabe stimmte.

Als der französische General Mélac am 17. Dezember 1688 aufmarschierte, wartete er vergebens auf die übergabe Schorndorfs. Da Mélac schwere Geschütze fehlten, musste er abziehen. Zwischenzeitlich trafen die zur Hilfe gerufenen kaiserlichen Truppen ein und die Franzosen mussten fliehen. Schorndorf war gerettet.

Seit diesem Tag hat Schorndorf mit Barbara Künkelin seine Schutzpatronin.

Man muss sich in die damalige Zeit versetzen, um das wahrhaft heldinnen-hafte dieser Taten zu ermessen.

Es war in Europa eine düstere Zeit, in der zahlreiche Kriege neben vielen Toten auch einige Helden hervorbrachten.

Männliche Heldenstereotypen, denen wir heute vielleicht aufgrund ihrer Gräueltaten den Prozess machen würden.

Es war eine Zeit der Ständegesellschaft und Frauen besaßen lediglich eingeschränkte Rechte.

Es war äußerst schwierig, unter diesen Bedingungen der alltäglichen Unterdrückung der Frauen zur gesellschaftlich anerkannten Heldin zu werden.

Junge Mädchen hatten also zu jener Zeit kaum weibliche Vorbilder, die ihnen vermittelten: "Ja, auch Du als Frau, Du kannst es zu etwas Großem bringen."

Umso wichtiger waren Heldinnen wie Barbara Künkelin.

Sie hat viele Frauen inspiriert und vielleicht manchen Mann zum Nachdenken angeregt, wer denn in jenen Dezembertagen des Jahres 1688 wirklich das starke Geschlecht war.

III. Verdienste von Sina Trinkwalder

Nach diesem Exkurs ins 17. Jahrhundert zurück in die Gegenwart und den Heldinnen-Taten von heute.

Liebe Sina Trinkwalder, ebenso wie die Schorndorfer Stadtheldin Barbara Künkelin kennzeichnet Sie ein besonderer Tatendrang und Wille zur Veränderung.

Ihr beruflicher Lebensweg begann im Hörsaal. Sie haben sich nach dem Schulabschluss für die Fächer Politik und Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eingeschrieben. Aber einfach nur im - womöglich überfüllten - Hörsaal zu sitzen und zuzuhören, wie die Professoren tagtäglich ihre abstrakten Modelle und grauen Theorien erläuterten - das war nichts für einen anpackenden Geist wie Sie.

Daher haben Sie mit 21 Jahren die Universität hinter sich gelassen, um mit Ihrem Ehemann Stefan Trinkwalder eine Werbeagentur zu gründen.

Hier in der Agentur waren Sie voll in ihrem Element und konnten endlich ihren kreativen Impulsen freien Lauf lassen.

Doch nach einigen Jahren war Ihnen auch das nicht mehr genug. Es hat - wie Sie es selbst beschreiben - nach einem Schlüsselerlebnis mit Ihrem Sohn bei Ihnen "Klick" gemacht.

Ihre Erkenntnis war: "Wir können die Welt nicht verändern, aber jeden Tag ein bisschen besser machen."

Die Idee zu etwas war geboren, das viele Ihrer früheren BWL-Professoren wahrscheinlich nicht für möglich gehalten hätten: die Gründung eines ökologisch ausgerichteten Textilunternehmens mitten in Deutschland, das Menschen mit diversen Vermittlungsproblemen auf dem Arbeitsmarkt eine nachhaltige und anständig bezahlte Zukunftsperspektive bietet.

Während Industrie- und Arbeitgeberverbände über die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland klagen, floriert die von Ihnen 2010 gegründete Firma Manomama in einer Branche, in der viele Unternehmen manuelle Tätigkeiten bereits ins Ausland verlagert haben.

Und Sie stellen bewusst Menschen ein, die viele andere Unternehmen aufgrund ihres Alters, ihrer fehlenden

Ausbildung oder sonstiger Nachteile im Lebenslauf als "nicht vermittelbar" und "nicht wettbewerbsfähig" einstufen würden.

Und diese Menschen erobern sich bei Manomama Stück für Stück wieder Lebensfreude und Selbstachtung zurück, die ihnen vorher durch fehlende Perspektiven verloren gegangen waren.

Sie, liebe Frau Sina Trinkwalder, zeigen es allen: Die Welt ein Stück besser zu machen ist möglich, wenn man es nur wagt, die Dinge aktiv zu verändern, über die andere nur diskutieren.

Eine weitere Facette, die ich erwähnen möchte ist der Beitrag der Firma Manomama zur ökologischen Nachhaltigkeit.

Die Rohstoffe für die Textilien stammen allesamt aus ökologischer Erzeugung. Und durch Direktvertrieb der Textilien werden unnötige Umwege von der Produktion zum Kunden eingespart.

Inzwischen ist Manomama zudem eine Kooperation mit Bioland eingegangen. Wer bei Manomama einkauft tut sich nicht nur selbst einen Gefallen, sondern auch der Umwelt und den Menschen, die dort eine neue Chance bekommen haben.

Sie zeigen damit allen, dass ethisches Wirtschaften möglich ist. Dies sollte all jenen Anlegern, Unternehmerinnen und Managern zu denken geben, die in Menschen vorrangig Kostenfaktoren sehen und lediglich die nächsten Quartalszahlen im Blick haben.

Und Sie haben ihre Erfahrungen in dem Buch "Wunder muss man selber machen: Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stelle" niedergeschrieben - ein Lehrstück für funktionierendes alternatives Wirtschaften, dass ich jedem gerne ans Herz legen möchte.

Die Wirtschaft dient den Menschen und nicht andersherum. Sie haben mit viel Mut und Tatendrang allen Skeptikerinnen zum Trotz bewiesen, dass das wunderbar funktioniert.

Ebenso wie vor über 300 Jahren Barbara Künkelin haben Sie gezeigt, dass zum Wohle aller Menschen Dinge möglich sind, von denen die Meinungsführer meinen, sie seien nicht realisierbar.

Ich darf Ihnen ganz persönlich, aber auch im Namen der Landesregierung Baden-Württemberg, für Ihr beispielhaftes Engagement danken.

IV. Dank / Schluss

In Erinnerung an die Schorndorfer Stadtheldin Barbara Künkelin werden Sie gleich für ihre herausragenden Verdienste mit dem Barbara-Künkelin-Preis geehrt.

Ich freue mich und danke Ihnen allen, dass Sie heute gekommen sind, um das Engagement von Sina Trinkwalder zu würdigen.

An dieser Stelle möchte ich auch der Stifterfamilie Abele sehr herzlich dafür danken, dass sie diesen Preis initiiert hat.

Ich übergebe das Wort an Herrn Oberbürgermeister Klopfer, damit wir mit der Preisverleihung beginnen können.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



Grußworte
Dr. Holger Dietrich,
1. Vorsitzender des Heimatverein Schorndorf e.V.

Im Namen des Heimatvereins Schorndorf darf ich Sie, sehr verehrte Festgäste, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Frau Rommel, in erster Linie aber die anwesenden Preisträgerinnen der letzten Jahre und natürlich Sie, liebe Frau Trinkwalder, ganz herzlich zur diesjährigen Barbara-Künkelin-Preisverleihung begrüßen.

"Wunder muss man selber machen" - so lautet, darf man mit Fug und Recht behaupten, Frau Trinkwalder, nicht nur der Titel Ihres Buches, sondern es mag auch Ihr Wahlspruch sein. Das ist in einer Branche, in der das "Selbermachen" gemeinhin nicht mehr bei uns stattfindet, sondern unter teils entsetzlichen Bedingungen in weit entfernten Ländern, ein Motto, das auch eine Aufforderung beinhaltet: Wenn wir hier, die wir im überfluss leben, in einer Geiz-ist-geil-Kultur, in der wir zu allem überfluss auch noch Geiz im überfluss haben, wenn wir hier ein Stück Verantwortung bei uns sehen, dann sagt uns Ihr Motto: Man kann!

Man kann z.B. etwas dafür tun, dass Arbeiterinnen und Arbeiter menschenwürdige Arbeitsbedingungen und auch entsprechende Löhne erhalten. Man kann Menschen dabei helfen und Wege aufzeigen, wie sie eine Lebensperspektive entwickeln und Ziele erreichen können. Doch angesichts weltweit operierender Konzerne, deren einziges Streben dasjenige nach Profit ist, die darüber hinaus noch enge Verbindungen zur Politik pflegen, erscheint ein solches Vorhaben oft schwierig bis aussichtslos: Beinahe könnte man resignieren und feststellen, dass Wunder allein da wohl nicht ausreichen.

Umso wunderbarer ist es, wenn Menschen wie Sie, Frau Trinkwalder, hier vor Ort, direkt vor unserer Haustür (die Augsburger mögen mir dieses Bild nicht übelnehmen), mit Ihrem Engagement und Ihrer Unternehmensführung Wege aufzeigen, wie dies doch gelingen kann.

Inwieweit können wir nun Wunder selber machen? Im kleinen sicher und uneingeschränkt: Ja. Doch wie weit reicht diese Kraft? Immer wieder wird uns suggeriert, dass wir, die Verbraucher, die Macht besitzen, wir könnten durch unser Kaufverhalten dafür Sorge tragen, dass bestimmte Produkte gefördert oder eben abgelehnt werden. Und niemand wird die Sinnhaftigkeit der Aufforderung, nur saisonale Früchte einzukaufen, das Fleisch eines ortsansässigen Metzgers zu bevorzugen, fair gehandelte Produkte zu erwerben, ernsthaft in Frage stellen. Schorndorf als Fair-Trade-Stadt ist da übrigens auf einem guten Weg.

Doch wie weit kann sich das eine normale Bürgerin, ein normaler Bürger, eine Familie gar, leisten? Ich achte darauf, Gemüse auf dem Wochenmarkt zu erwerben, ich gestehe aber auch, dass ich Kleidung dort kaufe, wo sie billig ist. Und so macht jeder auf seine Weise etwas im Kleinen, sicher auch gewissensberuhigendes, aber es geht einfach nicht überall, und so ändert sich im Großen doch wenig. Der gute Wille ist vorhanden, aber er allein reicht nicht. Da ist es die Pflicht unserer Politikerinnen und Politiker, hier entsprechende Anreize und wo diese nicht ausreichen Regularien zu schaffen und auf deren Einhaltung zu pochen, Politik für die Menschen zu machen, und nicht für die Lobbyisten oder in Erwartung eines postpolitischen Aufsichtsratsjobs bei weltweit operierenden Konzernen.

Frau Rommel hat es bereits angesprochen, den Preis gibt es seit nunmehr 30 Jahren, heute feiern wir die 16. Preisträgerin. Im ersten Band der Heimatblätter beschreibt der damalige Vorsitzende, Dr. Götz Hübner, wie er ins Büro des Stifters, Fritz Abele, kommt. Er würdigt den Stifter als Unternehmer, der sich mit großem Engagement um seine geliebte Heimatstadt Schorndorf gekümmert hat. Aus diesem Geist und dem Engagement für andere ist auch dieser Preis geboren worden. Der Preis ist Anerkennung für besondere Leistungen, gerichtet gegen den Zeitgeist, innovativ und richtungsweisend für die Zukunft. Dies sind Attribute, die in besonderem Maße auch auf die Firma Manomama von Frau Trinkwalder zutreffen.

Der ehemalige Heimatvereinsvorsitzende Dr. Götz Hübner prägte den Begriff der Heimatarbeit, verstanden als Arbeit an der Heimat im Sinne einer aktiven Gestaltung unserer näheren Umgebung, gleichzeitig aber auch als Arbeit in der Heimat. Beides leisten auch Sie, Frau Trinkwalder, indem Sie Textilien hier, am Ort, dort, wo sie auch gekauft werden, herstellen mit Menschen, die hier leben und sich mit ihrer Arbeit identifizieren: Somit möchte ich im Begriff der Heimatarbeit, und da bin ich ganz sicher im Sinne von Götz Hübner, die menschliche Komponente hervorheben: Ihr Beispiel zeigt, dass die Besinnung auf einfaches, handwerkliches, soziales, menschliches , kurz: dass der Mensch im Mittelpunkt steht, in bester humanistischer Tradition, sehr wohl die Gegenwart befruchten und den Weg in die Zukunft weisen kann.

Gerade heute, in einer Zeit, in der sich vieles um uns herum in rasenden Schritten wandelt, und man immer wieder hört, man müsse mit der Zeit gehen, man müsse zeitgemäß sein, ist die Frage durchaus erlaubt, ja muss sogar gestellt werden: Was bedeutet das überhaupt, mit der Zeit gehen? Ist das Gehen mit der Zeit nicht meistens eine bequeme Floskel, hinter der sich das Schwimmen mit dem Strom verbirgt, ein gemächliches Sich-Treiben-Lassen, ohne viel zu hinterfragen, ohne Innezuhalten und einmal in Ruhe nachzudenken? Fällt auf diese Frage die Antwort "ja", dann ist der Barbara-Künkelin-Preis heute mindestens so aktuell wie vor 30 Jahren, und vor diesem Hintergrund verstehe ich auch die Verleihung des Preises an Sie, liebe Frau Trinkwalder, als ein Bekenntnis zum Schwimmen gegen den Strom und eine Würdigung Ihrer Arbeit als ein Produkt aktiver und kritischer Auseinandersetzung mit dem Begriff Zeitgeist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, Ihrem Unternehmen und vor allem auch Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin viel Erfolg auf dem Weg, den sie eingeschlagen haben.

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