Das Wappen Schorndorfs
   

2012 - Ulla Lachauer
Laudatio von Rupert Neudeck

 

 

 

 

(Ulla Lachauer und Rupert Neudeck,
Bild: © Markus Palmer)

Als ich mich vorbereiten wollte, gab es eine kleine Katastrophe in unserer wohlanständigen und - nehmt alles nur in allem - auch warmen Bundesrepublik. Die Temperaturen ging auf sibirische Formate herunter, wie unsere Wetterfrösche nicht müde wurden uns Angst zu machen. In diesen Tagen las ich das Kapitel in Ulla Lachauers Buch Ritas Leute über die sibirische Verbannung der Volksdeutschen damals: "Wie kann einer freiwillig nach Kolyma ziehen? Wo zwei oder drei Mio Menschen verreckt sind, von zehn oder zwanzig Mio Sträflingen - in dieser Größenordnung bewegen sich die geschätzten Zahlen. Der Fluß Kolyma war der Name für die berüchtigte Gegend, die Solschenizyn als "Kälte und Grausamkeitspol" des Archipel Gulag bezeichnete. 72 Grad minus sind einmal gemessen worden in einer Polarnacht, niemals wäre dort eine Stadt entstanden, hätte man nicht Gold und andere Edelmetalle in Kasachstan gefunden." (Ritas Leute, S. 202f.) Die Transsib transportierte die Sträflinge bis Wladiwostok, von da an transportierte man die Häftlinge weiter auf dem Seeweg über das Japanische und das Ochotskische Meer. Sobald die Schiffe sich Hokkaido näherten, wurden um die menschliche Fracht zu verbergen, die Luken dichtgemacht, die Lichter gelöscht. Manche erreichten nie den Hafen Magadan. 1933 wird berichtet - saß die "Dschurma" neun (!) Monate (!) im Packeis fest, wobei die 12,000 Gefangenen erfordern, die Hälfte der Besetzung soll wahnsinnig geworden sein". (Ritas Leute, Rowohlt Reinbek 2002 S. 2003) Das bitte zur Einstimmung von uns behüteten Bundesbürgern auf die sibirische Kälte der Temperaturen von 14 - 18 Grad minus. Wie kommt die Westfälin/Ahlenerin Ulla Lachauer, die westfälische Göre dazu, sich um Vertriebene um Spätaussiedler, um Flüchtlinge, Displaced people zu kümmern? Ja, zunächst hätte ich angenommen, sie hätte dazu gehört. Aber als ich Sie das erste Mal sah, im Büro des DLF am Raderberggürtel, konnte das natürlich nicht sein. Der Grund ist klar zu benennen: Sie hat ein angeborenes Urgefühl für Gerechtigkeit. Und um dieses Gefühl auch an viele hunderttausende Ihrer Mitbürger weiterzugeben, erzählt sie hinreißende und heimelige Geschichten über diese Menschen, die manchmal verfemt waren. Und sie besuchte diese Menschen, die sie beschrieb immer mit großer Liebe, ein Wort, das neudeutsch Empathie heißt, aber Liebe ist doch besser, Und es kam ein Buch nach dem anderen auf den Markt. Am Beginn Ihrer Reise nach Tilsit, das heute eher hässlich Sowjetsk heißt, beschreibt sie ihre "Begegnungen mit Preußens Osten und Russlands Westen". Die Bundesrepublik - so steht es da und ist so wahr - "starrte auf dieses Jahr 1944/1945, fixierte diesen Ausschnitt der Geschichte, der die Existenz Deutschlands so grundlegend umgestürzt hatte. Zuerst in den Zeiten des Kalten Krieges, hatte dies die Form der Klage und oft der Anklage. Das haben die Bolschewiken getan! Hieß es, der Antikommunismus überwucherte den Kontext des Geschehens und schließlich auch das Gesicht der Städte und Landschaften, um die es ging". Dann aber, so fährt Ulla Lachauer fort (Die Brücke von Tilsit, Rowohlt Reinbek 2010 S. 17 - kam die neue Ostpolitik. Mit dieser neuen Ostpolitik wurde über diesen Punkt ein Tabu verhängt. Das Schuldbekenntnis, Voraussetzung der Aussöhnung mit den Östlichen Nachbarn, schloß ein Junktim ein: Das VOLK der TäTER hat über seine eigenen WUNDEN zu SCHWEIGEN.

Sie selbst sei geprägt gewesen - ich auch, liebe Ulla - von Willy Brandts Politik. "Sein Kniefall in Warschau hatte mir zum ersten Mal das Gefühl gegeben, dass es eine Bundesrepublik gibt, mit der ich mich identifizieren könnte." Doch später kamen ihr Zweifel. Musste dieser historisch notwendige Schritt wirklich so weitreichende Sprachverbote nach sich ziehen? Es erschien ihr ungerecht, aus gerechnet die Gegenden auszublenden, die untergegangen sind, sie damit ein zweites Mal auszulöschen. Warum durften sie nicht einfach beschrieben werden, die früheren Generationen? Sie entdeckte plötzlich einen Grundsatz des Historismus, von Leopold Ranke neu: "Jede Epoche ist direkt zu Gott!" Diese Position gab den Menschen wieder Genugtuung und Gerechtigkeit, was sie auch brauchen neben der Reue, der Buße und dem Sündenbekenntnis. Viele, die Mehrzahl der Millionen Deutschen sind schon gestorben und haben diese Genugtuung nicht erfahren und erleben können. Meine Eltern z.B. die eigene Mutter, die wahrscheinlich vergewaltigt wurde, die aber nie hat darüber reden können.

Vielleicht ist das die höchste Form der Liebe, es zu lieben ohne es zu besitzen, so hat es die größere Schwester unserer Preisträgerin gesagt am Ende ihrer "Ostpreußíschen Kindheit", die Marion Gräfin Dönhoff. Ulla Lachauer hat uns in ihren Büchern und Sendungen gezeigt, wie man sich in Menschen einfühlen kann, die so viel gelitten haben, zumeist Frauen, die so viel gelitten haben. Diese Generation kommt ja an ein Ende, die das noch weiß: Das war die "Stunde der Frauen", was da alles erlebt und erlitten, erkämpft und erobert werden musste. Es hat das Wort Emanzipation damals nicht gegeben 1945. Aber nie haben Frauen eine größere geschichtliche Leistung vollbracht als damals in den letzten Monaten des Krieges und den ersten Jahren nach dem Kriege. Die Männer wunderten sich, was sie alles angestellt hatten, die Frauen mussten alles aushalten und machen, sie durften nicht wie Lot zur Salzsäure erstarren. Die Kinder schrieen ja vor Hunger und Durst um sie herum. Aber was damals die Mütter ausgehalten und durchgetragen haben mit uns Blagen, dagegen ist das Leben von Alice Schwarzer und von uns allen ein Luxusleben gewesen. Das war die größte feministische Zeit, eine Zeit, in der es aber noch keinen Feminismus gab. Es war die Zeit, in der Ulla Lachauers Bücher durch Recherche, Drehreisen entstanden, die ZEIT, als wir noch der festen überzeugung waren, das Rundfunk und Fernsehen uns gehöre und wir die Geschichten, die Heldentaten aus dem Alltag dort Vorrang hätten. Wie diese Geschichte der Lena Grigoleit in der Paradiesstrasse. Die Welt von Gestern wird noch mal heraufbeschworen, die Zeit, da Menschen in Deutschland und Europa zur Memel und nach Tilsit zogen, um Urlaub zu machen. Heute sind das Mallorca und die Kanarischen Inseln. Oder Sharm el Sheik oder Mombasa, Bali oder Hudhaga. Als Ulla Lachauer noch mal nach dem Fall der Mauer 2006 auf dem Weg ist nach Litauen, mittlerweile einem unabhängigen Land, auf der Suche nach einem Dorf namens Bitenai, deutsch Bittehnen. Und ein alter Mann auf die Frage, ob hier noch jemand wohne sagt, Ja, eine einzige Frau Elena Grigoleit ( alias Kondrataviciene) in dem Haus wo die vielen Dahlien blühen. Sie wohne schon 80 Jahre hier. Die anderen Bittehner sind verstreut in alle Winde, die meisten in Deutschland. Manche in Kanada oder USA. Die einzige ist die Lena geblieben. Ulla Lachauer fragte: Leben Sie gern hier? Da sagt die Lena: Jetzt auf das Lebensende sollte man doch wirklich gern leben hier. Was soll man noch weiter? Wo soll man noch weiter hin? Heimat ist Heimat, da kann man nichts besseres finden. In der "Paradiesstrasse" hat Ulla Lachauer dieses Leben zu beschreiben versucht und es ist ihr das Porträt einer Frau "aus der Welt von gestern" gelungen. Wenn der Pfarrer kam von Ragnit oder die Bekannten aus Obereisseln, immer hieß es: "Das Reich! Alle werden reich, es wird mehr Freiheit geben für die Deutschen. Einfache Hitlermenschen, so nennt die Lena Grigoleit die Nazis. Nie im Leben werde sie das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen des Krieges. Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie haben sie zusammengetrieben,. Sie mussten selbst ihre Gruben graben, dann wurden sie lebendig reingeschmissen. Diese Menschen wussten: "Wenn es eine Gerechtigkeit gibt auf Erden, musste das dicke Ende noch kommen!"

Es kamen so viele von diesen Lena Grigoleit zu uns und sie fühlten sich nicht heimisch. Ein Grund: Sie waren streng religiös und fromm. Und das haben wir Westler, wir Mac-Donald Westler ja längst hinter uns gelassen. Das überlasen wir den ganz alten und den kleinen Kindern, aber uns vernünftigen Menschen bedeutet das ja kaum noch was. Ein großer Trost, den Ulla Lachauer vermittelt: es gibt auch viele gute Menschen selbst unter denen, die das eigentlich nicht sein können. Damals aber war es schrecklich in einem Grenzort, "wenn du beide Sprachen kennst. Einer sagt, du bist deutsch, der andere sagt, du bist Litauer.- Diese verlassen sich auf dich, jene wollen wieder was von mir haben. Und ich stehe so zwischen den Fronten" (S. 47 Paradiesstrasse) So auch heute Israelis und Palästinenser, Kopten und Muslime in ägypten, es sind meist zwei Sprachen und zwei Lebensweisen. History is mainly bunk, "Geschichte ist eigentlich Humbug" hatte der alte Henry Ford gesagt, bevor er das Auto zu dem Sakrament und der heiligen Kommunion des modernen Menschen gemacht hat. Aber er hat Unrecht. Die Geschichte ist sehr viel. Und wie Christa Wolf uns gesagt hat: Die Vergangenheit ist nicht vorbei. Sie ist noch nicht einmal vergangen. Ulla Lachauer gehört für mich zu den Frauen, die unbestechlich sind. Sie zeichnen sie in Schorndorf zu Recht aus. Sie gehört zu diesen Frauen, die wissen, wann Widerstand zu leisten ist. Das Volk der Täter hat über seine Wunden zu schweigen. Aber das widerspricht dem, was uns das Evangelium und die praktische Form des Gedenkens anweist: Wir sollen die Leiden der Menschen, die unschuldig zugrunde gingen, ernst nehmen und bewahren. Apokalypse, ja sagte Johann Baptist Metz, er vermisse diese apokalyptischen Traditionen in unserem Bewusstsein von der Menschheit. Ulla Lachauer hat ganz direkt an dieses unausdenkbare Verbrechen erinnert, das am 21. Oktober 1944 geschah in einem Ort, der Nemmersdorf hieß in Ostpreußen. Die überlebenden Nemmersdorfer wurden benützt. Das Öffentliche Sprechen wiederholte die propagandistische Ausschlachtung der Nemmersdorfer Gräuel durch die Nazis und noch einmal durch Joseph Goebbels. Manchmal bis in die Diktion. In den Gedenkstunden - so hat Ulla Lachauer uns damals in einer Sendung im DLF gesagt 1994 -

"Half man sich mit dem Begriff Apokalypse. Dieser Bezug zur Offenbarung des Johannes war so falsch nicht, weil die Bilder der Bibel das Unfassbare trafen und weil der Kontext ein Schuldbekenntnis einschloss: Voraus ging schwere Sünde, das Weltgericht musste demnach erwartet werden. So tief war diese in aller Regel jedoch nicht gemeint. Der Begriff der Apokalypse wurde ein gesetzt zur Verneblung dessen, was konkret geschah. Das Flammemeer des Infernos war eine Art Sperrfeuer gegen heikle und schmerzhafte Fragen."

Wir werden Ulla Lachauer noch brauchen. Frauen, die mit Empathie und Geduld und Liebe sich in andere Menschen einfügen können. Die Afrikaner, die in einer Zahl von 18 Mio unterwegs sind, um den gelobten Kontinent Schengen zu erreichen, die werden von uns nur wahrgenommen als solche, bei denen man die Nationalität erkennen können muss, um sie wieder zurückzusenden. Dort, wohin wir sie zurückschicken, gibt es nichts von Rechts und Sozialstaat. Da gibt es nur the survival of the fittest. Dort müssen wir eine Ulla Lachauer mal hinschicken. Um unsere alten Vorurteile in der Luft zerplatzen zu lassen. Vielleicht erfinden sich diese Menschen auch eine deutsche Urgroßmutter, aus Deutsch-Südwest müsste man sich so eine doch zulegen oder kaufen können, in dem Reise-Land der Deutschen, "schwarzbraun ist die Haselnuss", das heute Namibia heißt.

Die Mennoniten haben uns - wie die Muslime auf etwas hingewiesen, was wir im Westen schon für überholt, hinter uns gelassen hatten: Die Religion. Ja, so für Familienfeiern und für den Weihnachtsbaum, auch noch aus Hilflosigkeit die Erdbestattung oder die Urnenbestattung, einen Platz auf dem Friedhof, aber das reicht dann auch. Nein, wir sind sauer, dass denen die Religion so viel bedeutet. Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der habe schon Religion, sagt uns Goethe. Was soll denn der Quatsch noch mit der Kirche und den Gebeten? Wo wir sie schon ad acta weggelegt hatten. Kirchensteuer, das reicht dann ja. Die Mennonitin Rita Pauls aus Karaganda sagt in dem Buch von Ulla Lachauer (Ritas Leute. Eine deutsch-russische Familiengeschichte2002): "Wir haben gedacht, in Deutschland sind alle Gesetze nach der Bibel gemacht", zumal die Zeit des gotteslästerlichen Bolschewismus ja vorüber war. Aber die Gesetze waren nicht nach der Bergpredigt und den Evangelisten und den Psalmen gemacht. Kein Mensch hätte dafür was gegeben. Was das für ein halt war die mennonitische Gemeinde und die christliche Religion in dieser schrecklichen Zeit der Verbannung, wo unterwegs schon so viele gestorben sind. Immer wieder gelingen der Ulla Lachauer, die wir preisen, Bilder, die man nie vergisst. Sie sagt es: wir müssen wissen, dass diese Menschen, diese unsere deutschen Mitbürger eine abgrundtiefe Erschöpfung auszeichnete, sie sieht diese Erschöpfung, wenn sie die Maria Pauls so sitzen sieht, diese Erschöpfung muss ihre Persönlichkeit verändert haben. Zum Transport der auf dem kleinen privaten Acker gezogenen Kartoffeln stellte der Sowchos ein altes Kamel zur Verfügung.

Ulla Lachauer hat so ein hinreißendes Bild gefunden, um diese Vertrautheit aus Einsicht in den großen Gott, der alles so wunderbar erhält, ein Gemälde von Rembrandt fällt ihr ein. Das Bild zeigt den Amsterdamer Tuchhändler Cornelis C. Analo. Den gewaltigen Mennoniten-Prediger des 17. Jahrhunderts, in seinem Studierzimmer. Links auf dem Tisch liegt aufgeschlagen eine Bilde, rechts neben ihm sitzt sehr klein in einem schwarz glänzenden Kleid mit weißer Krinoline seine Ehefrau. In dem von Rembrandt 1641 erfaßten Augenblick wendet sich der Prediger (S. 157, Ritas Leute) seiner Frau zu, sie hört ihm hingebungsvoll zu. Nein, das Gemälde soll Feministinnen nicht beleidigen. Der Maler hatte den Auftrag, die Macht des biblischen Worts zu zeigen, das durch die Ohren zu Erfahrende ins Bild zu setzen. Und wirklich - schreibt Ulla Lachauer - es fixiert wunderbar mennonitische Programmatik, die theologische Auffassung vom Vorrang des Wortes - und von dessen gottgewollter Verkündigung durch den Mann."

Ja, diese Menschen sind dankbar, die Familie der Rita Pauls: "Im deutschen Ruhestand, finanziell gesichert, sorglos wie nie zuvor, umgeben von ihren drei Kindern, acht Enkeln und 12 Urenkeln, die alle ausreisen durften und nahebei wohnen. "Wir sind endlich frei. Wir haben eine mennonitische Gemeinde, wer will, kann hingehen". Maria Pauls in dem Buch der Ulla Lachauer, die wir heute hier preisen: "Ich bin nur traurig, dass die Kinderchen so ohne Christentum sind. Wo es verboten war, war noch mehr da. Die Freiheit muss Ihre Grenzen haben. Wenn sie zu frei ist, ist es keine gute Freiheit". Der jüngste Sohn hat das alte verpflichtende mennonitische Gebot der Wehrlosigkeit schon aufgegeben, er hat einen Dienst mit gutem Sold bei der Bundeswehr angetreten. Freiwillig und ohne Not. Diese Menschen außerhalb unserer Tarif und Versicherungswelten sind alle in der Regel tüchtiger und fleißiger als wir es noch sein können. Wir aber werden eine Welt erleben, als Utopie und Wirklichkeit. Gestern schreibt mir jemand, es gäbe sieben Dörfer 4 Stunden Zugfahrt in ägypten von Kairo aus, da leben nur Farm-Agrararbeiter, die keinen eigenen Bodenbesitz haben und die haben nicht genug Geld, auf Grund der Inflation, sich Nahrungsmittel zu kaufen. Da gibt es ein universales Gesetz, nach dem Menschen auf der Welt nicht mehr allein sind, sie gehören zu einer Menschheit, die sich gnädig verhält. Das, meine Damen in Schorndorf (und meinetwegen auch meine Herren, aber die Damen verstehen es besser) ist der größte Fortschritt in der Geschichte der Menschheit. Wenn irgendwo auf der Welt die Erde aufbricht, oder eine Umweltkatastrophe passiert oder ein Tsunami alles überspült und Menschen in den Orkus reisst: ES GIBT mittlerweile eine GNäDIGE MENSCHHEIT! Für die die Worte von Heinrich Böll gelten, die er uns im Juni 1984 in Holstebro als Vermächtnis hinterlassen hat. Und die wie ein Lichtschein das wunderbare Werk von Ulla Lachauer erhellen. Dieses Werk ist kongenial dem der Frauen von Schorndorf. Ja, zu Schorndorf muss ich noch was sagen: Diese Schorndorfer Frauen haben gewaltig Gutes geleistet. "Es ist schön ein hungerndes Kind zu sättigen, ihm die Tränen zu trocknen, ihm die Nase zu putzen, es ist schön, einen Kranken zu heilen. Ein Bereich der ästhetik, den wir noch nicht entdeckt haben, ist die Schönheit des Rechts; über die Schönheit der Künste, eines Menschen, der Natur können wir uns halbwegs einigen. Aber - Recht und Gerechtigkeit sind auch schön, und sie haben ihre Poesie, wenn sie vollzogen werden. Tuende, nicht Tätige möchte ich ehren. Alle diejenigen, die wissen, was es bedeutet, ein Flüchtling, ein Vertriebener zu sein, unwillkommen zu sein". Eine große Eisenbahn könnten die nächsten Bundesregierungen mit den Regierungen in ägypten, in Khartoum in Juba in Kampala ausmachen: dass man ein Jahrhundertunternehmen beginnt und Hunderttausende von jungen Afrikanern dabei ausbildet und Geld verdienen lässt. Oder man startet von hier, von Schorndorf - meinetwegen von Stuttgart eine Eisenbahn nonstop nach Peking?!

Es sind viele große Baustellen, in denen sich das Programm und die Vision von Immanuel Kant Zum ewigen Frieden verwirklichen lässt. Ihr Ministerpräsident hat schon das Rezept des Konrad Adenauer übernommen, das dieser weitsichtige Mann schon in der Weimarer Republik in Köln als Oberbürgermeister erkannte: "Grosse Strassen ziehen den Verkehr an. Immanuel Kant und Ulla Lachauer. Als Ulla Lachauer damals im Sommer 1998 sich aufmacht, von Frankfurt nach Omsk in einer Tupolev 54 zu fliegen, in der der "Geruch des kalten Krieges" noch hängt, wo sie dann 19 Stunden mit dieser Transsib weiterfährt bis nach Karaganda erlebt sie viel Trostloses, erlebt sie das, was ich in afrikanischen Ländern und Straßen erlebe auf Schritt und Tritt - alle wollen weg! Die Steppe erobert das Kohlerevier zurück, die Sary Arka, die goldene Steppe sei zum Verrücktwerden schön. Es sind ja nur noch wenige da, die Deutschen sind ja fast alle weg nach Deutschland. Tatjana führt sie Ulla L.- in den Garten und fragt: "Was denkst Du? Sollten wir vielleicht nach Kaliningrad ziehen?" Von Russlands Enklave im Westen wären Deutschland, die Tochter Oksana und die Enkelkinder leichter zu erreichen. Da steht es im Buch: "Mir stockte der Atem. Soll ich gestehen, dass ich die Gegend kenne, und Kaliningrad das Trostloseste ist, was ich in Europa gesehen habe." Zwei Reminiszenzen dazu, die Ulla Lachauer hat zwar keine Verwandtschaftlichen Beziehungen und Gefühle, sie ist keine Tochter von Heimatvertriebenen, aber sie sucht nach dem Schwiegervater Alfred Lachauer, der hier fünf Jahre in schrecklich entbehrungsreicher Kriegsgefangenschaft war. Ein Vorbild dieser Mann, denn er konnte sich empören, wie wir uns als Volk immer noch empören sollen, dass uns diese 12 Jahre und viel mehr von diesen Nazibonzen und Mördern gestohlen wurden. Die Nazis raubten dem Alfred Lachauer 10 Jahre seines Lebens. Sie raubten uns allen diese zehn Jahre, die damals lebten. "Die Nazis hatten teilweise im Lande noch Einfluss, oder alle, die die Wiederbewaffnung Deutschlands vorbereiteten." Das habe ich bei meinem Mentor Heinrich Böll gelernt, und ich lerne es bei jedem Besuch in Afghanistan mehr: Armeen sind zu wenig nütze, wir sollten auch keine Verfassungsschutzämter haben, die uns hindern, diese Nazipest NPD aus unserem Lande herauszuwerfen. Wir sollten uns als helfende und hilfreiche Nation - mit Grünhelmen statt Blauhelmen - nicht übertreffen lassen zu helfen und mit Mut und Risiko in gefährlichste Situationen hineinzugehen. Aber bitte, keine 270 Leopard Panzer nach Saudi Arabien.

Und das letzte, wozu ich die Frauen von Schorndorf mit Ulla Lachauer an der Spitze bitte; es ist eine Winzigkeit, und sie werden sagen. Wozu das denn? Aber ich kann es physisch nicht länger ertragen, dass der Mann, der da in Königsberg achtzig Jahre alt wurde und uns allen den Weg zum ewigen Frieden und zur Moral-Maxime weist, der sich verpflichtet fühlte dem "moralischen Gesetz in ihm und dem gestirnten Himmel über ihm" bis heute, eigentlich der Erfinder der Aufklärung, der uns allen, auch hier sagt, wir sollen aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herausgehen, dieser Immanuel Kant muss im Grab ertragen, das seine Stadt Kaliningrad heisst. Diese Enklave soll meinetwegen weiter zum Staatsgebiet Russlands gehören, aber der Name muss geändert werden. Alle Verbrechernamen in Russland sind nach dem Ende der Sowjetunion geändert worden. Ich möchte, dass von heute aus eine Bewegung in Schorndorf durch Deutschland und Europa, durch Osteuropa bis nach Moskau geht und wir uns alle auf den besten Namen einigen, den diese Stadt je kriegen kann. Sie sollte nicht mehr Kaliningrad, sie sollte KANT(-grad) heißen.

Schlußwort von Ulla Lachaer, 11 März 2012

Liebe Festversammlung!
Sehr geehrte Frau Rommel, liebe Familie Abele!
Sehr geehrte Damen der Jury!
Sehr geehrter Oberbürgermeister Klopfer, sehr geehrter Herr Dr. Dietrich!
Ich begrüße herzlich die Mandatsträger!
Lieber Rupert Neudeck!
Lieber Uwe Naumann!
Liebe Musikantinnen, Lea und Josefin!
Liebe Familie, liebe Freunde!

Der Held meiner Kindheit war ein Affe, ein neugieriger kleiner Schimpanse mit einem Fahrrad. Coco hieß er. Vielleicht war Coco auch eine Sie - wie die Dame Coco Chanel, deren Mode meine Tanten verehrten. Männlich oder weiblich, das war mir herzlich egal, nehmen wir zu Feier des Tages einfach mal an, es war eine Heldin. "Coco fährt Rad", hieß das Bilderbuch, und das wichtigste für mich war das Rad, das blau war und haargenau wie meins. So eines hatte ich mir zu Weihnachten gewünscht und überraschender Weise schon vor dem Fest bekommen, "zum Trost", wie es hieß. Denn ich war, weil meine Mutter mal wieder ein Kind bekam, aus meinem Elternhaus verbannt worden, in die Villa meiner gestrengen Großeltern. Fünfeinhalb Jahre war ich,Älteste von drei und demnächst vier Geschwistern, und ich fühlte mich unendlich verlassen.

Ort der frühen Melancholie ist Ahlen in Westfalen. In jenem nasskalten Dezember 1956 dachte ich - vermutlich zum ersten Mal - über die großen Fragen des Lebens nach: Wer bin ich? Wo ist mein Platz auf der Welt? Da konnte ich eine Bilderbuch-Heldin, eben diese Coco, gut brauchen. Coco war ein Waisenkind aus dem afrikanischen Urwald. War ich nicht auch so etwas wie eine Waise? Coco war von einem Mann, dem "Mann mit dem gelben Hut", gerettet und dann adoptiert worden. So jemanden könnte ich doch auch finden, oder? Ich hielt Ausschau. Es gab einen Mann in meiner Nähe: einen uralten mit nur drei Zähnen in seinem schiefen Mund und einem steifen Bein, den die Großeltern "Brüser" nannten. "Brüser", ohne "Herr", ohne Vornamen. In unserem Städtchen bekannt wie ein bunter Hund unter dem Namen "Kalle Stumpen". "Kalle Stumpen! Fang mich doch!" Schrien ihm die Kinder hinterher. So einer konnte unmöglich ein Retter sein. Oder doch? Brüser war immer zur Stelle, wenn ich auf dem Hof Radfahren übte. Von irgendwoher humpelte er zu mir, schubste mich an. Er war es, der eines Tages die Stützräder abmontierte, er war der Zeuge meiner Missgeschicke und Helfer. Ich spürte seine Zuneigung. Noch heute bedauere ich, dass Karl Brüser, der Knecht meiner Großeltern, starb, bevor ich erwachsen war und ihn nach seiner Geschichte fragen konnte.

Nachts träumte ich von meinem blauen Fahrrad. Freihändig fahren wie Coco! Nach einem Sturz einfach weiterradeln - das war meine Lieblingsgeschichte: wie Coco, weil das Vorderrad verbeult war, nur auf dem Hinterrad weiterfährt, einem Cowboy gleich, dessen Pferd sich aufbäumt. Immer waghalsiger wurde ich, immer sicherer, ich erinnere mich, es war ein großartiges Gefühl der Freiheit. Ich lebte nur dafür, aller Trübsinn war verflogen. Radeln, in den Matsch fallen, aufstehen, Juppheidi - d a s war mein Platz auf der Welt.

Die besten Dinge passieren einfach. Ich möchte Ihnen heute von einem Augenblick erzählen, der mein Leben veränderte. Im Sommer 1989, also ziemlich lange her. Lea war damals gerade geboren, Josefin noch nicht mal auf der Welt. Ein besonderer Sommer für ganz Europa, voller Hoffen und Bangen. Sie erinnern sich: überall rumorte es, in Polen, in Ungarn, im Baltikum. Was würde daraus werden? Die große Freiheit? Ein neuer Krieg? Ich war damals achtunddreißig Jahre, ein gutes Alter, man ist schon erfahren und hat noch jede Menge Kraft. So alt etwa war auch Barbara Künkelin, als sie mit ein paar Frauen den Rat der Stadt Schorndorf stürmte und, wie es heißt "mit Waffengewalt", als da wären Kochlöffel, Mistgabeln und Hacken, die Männer zwang, nicht vor den Franzosen zu kapitulieren.

1989, im September, war ich mit einem Team des Westdeutschen Fernsehens in der litauischen Sowjetrepublik unterwegs, um einen Film über das Memelland zu drehen, den schmalen Streifen jenseits des Stroms, der früher einmal zu Deutschland gehört hatte. Ein paar Monate zuvor war er noch militärisches Sperrgebiet gewesen, wir waren die ersten westlichen Journalisten hier. Alte Alleen, der Strom und über der Ebene gewaltige Himmel, verwilderte preußische Moorkolonien - die Landschaft nahm uns sofort gefangen. Hin und wieder trafen wir Deutsche, übrig gebliebene Memelländer, alte Frauen meist, in Kittelschürze und Gummischuhen, die weinten, wenn sie uns sahen.

An dem Nachmittag, den ich meine, streiften wir in Bitenai umher, einem Dorf, das zu deutscher Zeit Bittehnen hieß, und suchten nach Spuren des Dichters Johannes Bobrowski. Einer seiner Romane spielt dort, Mitte der 1930er Jahre. Wo war der Weg zum Götterberg Rombinus? Das Gasthaus, die Schule aus rotem Backstein, die Bobrowski so genau beschrieben hatte? Nicht zu finden! Vielleicht hatte er ja geflunkert? Man darf Schriftsteller eben nicht so wörtlich nehmen. Vielleicht waren die Gebäude auch im Krieg zerstört worden, oder danach von den Kommunisten platt gemacht? Wir Städter aus dem reichen Westen sahen vor allem die Idylle: Holzhäuschen, Storchennester, Katzen, die in der Sonne schnurrten. überall roch es nachÄpfeln, ich erinnere mich bis heute an ihren Duft. Wir klaubten welche von der Wiese auf. Möglicherweise wäre ohne dieÄpfel an diesem Abend nichts weiter passiert, unser Team wäre abgezogen und fertig. Doch weil dieÄpfel so köstlich waren, blieben wir und aßen einen nach dem anderen - auf einem Sandhügel mit Blick auf die Memel, und bemerkten gar nicht, dass Alvydas, unser litauischer Fahrer, verschwunden war. Wir warteten, wurden träge, bald schläfrig. Irgendwann, es war schon fast Abend, trat der Vermisste mit einem Riesenkorb voller Pilze aus dem Wald. Während wir sie bestaunten, näherte sich ein alter Mann, offenbar ein Dorfbewohner. "Labas vakaras!" Wir grüßten zurück mit "Labas, Labas", ohne stehen zu bleiben. "Deutsch?" Fragte er. "Hm", brummte ich, und stapfte weiter Richtung Auto. Er mit. Und so ließ ich über den Dolmetscher doch noch die Routinefrage stellen: "Wohnt hier noch jemand von früher?" - "Ja, eine Frau, Lena Kondrataviciene. Das Haus da oben, wo die vielen Dahlien blühen."

Wir hatten erst einige Filmmeter gedreht an diesem Tag, also los, die Gerätschaften geschultert, Kamera, Stativ, Ton, Ersatzakkus. "Frau Lena" riefen wir im Chor, "Frau Lena!" Es rumpelte im Haus, heraus kam eine Frau mit struppigem grauem Haar, klein und behände und ein wenig krumm. Sie schien kein bisschen verwundert über unseren Besuch. Mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt fing sie an zu erzählen: "Wie lang ich hier schon wohn? Gleich achtzig Jahre. Die anderen Bittehner sind verstreut in alle Winde. Die meisten sind im Westen, in Deutschland. Manche sind auch in Kanada, manche sind in Amerika. Jede nachdem, wie das Schicksal sie verschlagen hat. Die einzige bin ich geblieben." Sie sprach von Leid und Einsamkeit - und strahlte dabei Kraft und Helligkeit aus. Die Kamera lief. "Leben Sie gern hier?" fragte ich. "Ja". Sie lachte. "Jetzt auf Lebensende sollte man doch auch wirklich gerne leben hier. Wo soll man noch weiter hin? Heimat ist Heimat, da kann man nichts Besseres finden."

Sie hörte nicht auf. Dem Kameramann wurden die Knie weich, die Arri auf der Schulter, musste er, weil die Erzählerin so klein war, bis fast in die Hocke gehen. Sie merken, liebe Festversammlung, wir sind noch im Film-Zeitalter. Nur zwölf Minuten hatte so eine Rolle Zelluloid. Unser Assistent hantierte derweil im Dunkelsack und bereitete die nächste Rolle vor, und noch eine. Und ich dachte, das ist ja ein Roman, so viel Filmmaterial haben wir gar nicht, und weiter: Ich werde ein Buch schreiben über dieses Leben. Niemals zuvor hatte ich an so etwas gedacht. Bücher lesen ja, aber schreiben?

Alle im Team haben das Besondere empfunden. Diese Frau stellte eine provozierende Behauptung auf: Sie habe in diesem schrecklichen 20. Jahrhundert den besseren Teil erwischt, sie, Lena Kondrataviciene, geborene Grigoleit, die zu Hause blieb, sei glücklicher als die anderen, die im großen Strom der Geschichte schwammen und heute komfortabel im Westen leben.

Drei Wochen blieben wir im sowjetischen Litauen. Selbst in den entlegensten Dörfern spürten wir den Wind der Freiheit, an den Straßen Menschen, die "Lietuva, Lietuva!" riefen. Der Rückflug Vilnius - Frankfurt ging wieder über Moskau, die Hauptstadt der wankenden Sowjetunion. Ich fuhr sofort weiter, noch in Räuberzivil, nach Zürich, wo mein Mann gerade ein amerikanisches Theaterstück inszenierte. Zürich war ein Schock: dieser Luxus, dieser Glanz! Beim Schaufensterbummel in der Bahnhofstraße kriegte ich fast einen Nervenzusammenbruch. Danach blieb ich dem gemieteten Zimmerchen, zog mir die Decke über den Kopf oder sah fern. Montagsdemo in Leipzig, Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Mal Vilnius, singende Menschen mit rot-grün-gelben Fähnchen. Lena - wie mag es Lena gehen.

Ende Oktober 1989 reiste ich nach Westfalen, zu meinem kranken Vater. Morgens, mittags, abends Fernsehen, die Mauer fiel, wir saßen auf dem Sofa und heulten wie die Schlosshunde, das erste Mal im Leben, dass wir gemeinsam weinten. Ich muss nach Berlin! Dachte ich. Sofort! Da passiert Weltgeschichte, etwas ganz Einmaliges, Wunderbares. Alle Journalisten sind in Berlin! Ich fuhr nicht, blieb in Ahlen, und schämte mich ein wenig dafür. Später redete ich mich gegenüber Kollegen damit heraus, ich hätte meinen Vater nicht allein lassen können. Ich glaube, ich hatte Angst. Angst vor den Menschenmassen, und Angst, wieder mal zu langsam zu sein. Schon im Kindergarten war das so, mein Platz war die "Klüngelsbank", wer sein Butterbrot nicht in einer halben Stunde aufaß, musste auf die Bank draußen vor der Tür. Sie, liebe Festversammlung, werden inzwischen auch schon denken, die kommt ja gar nicht vom Fleck. Wie gesagt, die welthistorischen Tage im Jahr 1989 verbrachte ich abseits, in der Provinz. Auch hier geschah etwas - mein sonst so wortkarger Vater erzählte. Er sprach über seine Kindheit, vom Wald und vom Wind, von der Jagd, Abenden am offenen Herdfeuer. Und ich verstand, dass er den Bauernhof im westlichen Münsterland immer noch vermisste, er sich in Ahlen, nur achtzig Kilometer von seiner Heimat entfernt, im Exil fühlte. Wie gern er Bauer geworden wäre, Tierarzt war für ihn nur die zweite Wahl gewesen. Wie sehr er zeitlebens ein Landmensch geblieben war. So ist er mir bis heute in Erinnerung: in Holzschuhen, einer der im Garten gräbt und überreichlich Mist verstreut, Obstbäume und Rosen veredelt, der immer irgendetwas züchten muss - ob Champignons oder Spargel, Jagdhunde.

Aus dem Dorf an der Memel kam ein Brief: "Chère Madame Ulla!" Woher konnte sie Französisch? "Wann sehen wir uns wieder? Es wartet darauf - Ihre Lena Grigoleit." Am 10. März 1990 nahm ich den Zug von Berlin, am Morgen des 11. März (heute vor 22 Jahren) kam ich in Vilnius an, just an dem Tag, als Litauen seine Unabhängigkeit von Moskau erklärte. Hochstimmung, auch im Bus Richtung Klaipeda, erregte Gespräche. Die letzten vier Kilometer ging ich zu Fuß, auf einem Sandweg, "an der vom Blitz gespaltenen Kopfweide müssen Sie nach Bittehnen abbiegen", hatte Lena geschrieben. Wir verbrachten zwei Tage miteinander in ihrer rußgeschwärzten Küche, zwischendurch Speck, Brot und Tee, die Zeit verflog nur so. Ich war hingerissen von ihrem Erzählen, wenngleich ich ihren Dialekt, das singende, knarrende, mit litauischen Wörtern durchsetzte Ostpreußisch, nicht immer verstand. Ein Leben voller Dramatik: 1910 ist sie geboren, unter dem letzten Kaiser, nach dem Ersten Weltkrieg fällt der schmale Streifen jenseits der Memel an Litauen, sie heiratet einen Litauer, zwei Töchter, kurz vor der Geburt der zweiten hat Hitler die Gegend "heim ins Reich" geholt, Krieg und Flucht, 1945 Rückkehr nach Bittehnen, sie werden Sowjetbürger, 1951 Deportation nach Sibirien mit der ganzen Familie, Zwangsarbeit und Kälte, dann wieder nach Hause, ihr Dorf ist nun Teil eines Kolchos, ihre Nachbarn sind Fremde, neu zugezogene Litauer. Nur ein handtuchgroßes Stück Land ist ihnen geblieben, die Angst hört niemals auf, Lena Grigoleits Alter ist einsam. "Das wird ein schönes Buch abgeben, Ullachen." Sagte sie zum Abschied, und: "Was wird Moskau jetzt tun?"

Ich streifte noch einige Tage durchs Land, Memel abwärts. Meistens ging ich zu Fuß, was wegen des Hochwassers ziemlich unbequem war. Mal nahm mich ein mitleidiger Motorradfahrer mit, oder ich lieh mir irgendwo einen zerbeulten Drahtesel (damals kam mir übrigens "Coco fährt Rad" wieder in den Sinn). Der März ist die beste Jahreszeit, um die Folgen gesellschaftlicher Katastrophen zu besichtigen - der Schnee ist schon weg, das Grün noch nicht da, alles liegt nackt und bloß. Ruinen, Verfall überall. Am traurigsten die Kirchen, die als Speicher, Ställe oder Turnhallen dienten. In Klaipeda, dem früheren Memel, hörte ich zum ersten Mal wieder Nachrichten: Moskau erkannte Litauens Unabhängigkeit nicht an. Eines Morgens sah ich plötzlich vom Bus aus eine alte Frau, die sich bekreuzigte und sich, wie von Sinnen, zu Boden warf - dies Bild werde ich nie vergessen. Dann hörte ich die Panzer.

Ich flüchtete. Nach Vilnius, schnell, schnell zum Flughafen. Kein Flug. Die Telefonleitungen ins Ausland waren gekappt, nur im Parlament, hieß es, wären Satellitentelefone. Also begab ich mich dorthin, um wenigstens meiner Familie melden zu können, "alles in Ordnung". Ich schrie ins Telefon, "Mutter, Vater, sorgt euch nicht!", bis mir ein japanischer Reporter den Hörer entriss. Aus aller Welt waren sie da, um über den Kampf Davids gegen Goliath zu berichten. Wir saßen jetzt fest, ich mit, wir Journalisten, zusammen mit den Mitgliedern des Parlaments und seinem Vorsitzenden Landsbergis. Unbewaffnet, bis auf ein paar Flinten, da draußen einige Dutzend Panzer der Roten Armee. Drei Tage und Nächte verbrachte ich hier, zwischen Zigaretten qualmenden Männern, kampferfahrene Haudegen darunter, von Vietnam, Angola erzählten sie in der Nacht. Zähes Warten, Spekulationen über das, was kommen könnte. Das Ultimatum der Roten Armee fast eine Erlösung: "Bis 16.00 hat sich das Parlament zu ergeben." In den Trupp der Reporter kam Bewegung. "London, London!" Der Brite erwischte zuerst ein Telefon. "Paris, la guerre, à seize heure! Sentoo! Nie habe ich in so vielen Sprachen das Wort "Krieg" gehört. "Hallo Mainz, es geht los." Landsbergis erschien und verkündete, eine Kapitulation käme überhaupt nicht infrage. Eine gefährliche Situation,Ähnlich vielleicht der von 1681, als die Franzosen vor den Toren Schorndorfs standen und Barbara Künkelin auf den Plan trat. Wie soll ich es Ihnen sagen? Wenn es nach mir gegangen wäre in Vilnius, ich hätte kapituliert. Die heldenmütige Standhaftigkeit war in meinen Augen der reine Wahnsinn. Für die Freiheit Litauens sterben? Um 15.30 verließ ich den Schauplatz.

Es gab ein Blutbad, aber erst neun Monate später. Im Sommer 1991 war der Weg in die Unabhängigkeit endlich frei, damit auch der Weg für Lena Grigoleit und mich. Im darauf folgenden April packte ich Notizbuch und Tonband ein - es war Litauens erster Frühling in Freiheit. "Du kommst mir gerade recht, Ullachen!" Rief sie mir strahlend entgegen und drückte mir eine Hacke in die Hand. "Ab aufs Feld!" Sie hatte gerade einen Teil ihres elterlichen Landes zurück bekommen, 3 Hektar von 26, die ihr zustanden, und sie hatte sich in den Kopf gesetzt, noch einmal - mit ihren 81 Jahren - Bäuerin zu sein. Ich erwies mich als anstellig, wir waren ein gutes Gespann. Zum Pflügen und Eggen liehen wir uns Pferd, der Rest musste mit der Hand getan werden. Die Tage waren warm, wir standen barfuß in den Furchen. Jede Reihe, die wir schafften, quittierten wir mit Freudengeheul. Das Saatgut hatte gereicht! Kartoffeln und Runkeln, Rote Beete, Mohrrüben, Luzerne, Gerste, nichts fehlte! Sogar für den Mohn fanden wir ein verstecktes Plätzchen am Waldrand. Zwischendurch führte ich mit ihr Gespräche über ihr Leben, unternahmen wir mit Bella, der zotteligen alten Hündin, Spaziergänge durchs Dorf, an der Memel entlang. Um 17.00 hockten wir immer vor der Glotze, die brasilianische Seifenoper war ein Muss, "Bugatie tosche platschut", das Melodram über Liebe und geschäftliche Intrige im Kapitalismus war russisch synchronisiert, zu Deutsch "Auch Reiche weinen."

Mein Feldtagebuch füllte sich, täglich lernte ich Neues, nicht zuletzt über deutsche Geschichte. Lenas eigenwillige Sprache wurde mir vertraut, bäuerlich handfest, scharfsinnig und voller Poesie. In drei Wochen entstand das Rohmaterial des Buches: eine weitschweifende, springlebendige Erzählung, aus der ich später meinen Text formen würde. Wie ist diese Frau in den Stürmen des 20. Jahrhunderts so hellwach und geistig autonom geblieben? Fragte ich mich. Nie werde ich diesen schöpferischen Frühling 1992 vergessen - ich war am richtigen Platz, zur rechten Zeit.

Und das Glück setzte sich fort, das neue Europa brauchte Geschichten wie die von Lena Grigoleit. Hunderttausende haben ihre Biografie mit dem Titel "Paradiesstraße" gelesen - heimwehkranke Ostpreußen und ihre Kinder, Politiker und Diplomaten, die sich der Wirklichkeit in diesem lange hinter dem Eisernen Vorhang verborgenen Osten stellen mussten. Das Buch wanderte durch die Volkshochschulen und Büchereien, Rotary-Clubs, Gefängnisse, Klöster. Die Landfrauen liebten Lena Grigoleit, die ganz besonders. In den Lesungen saßen Bauern, Studentinnen und Hebammen, Friseurinnen, Banker und Malermeister, Installateure, Metzger. "Nirgends geht es so bunt zu wie auf der Welt", hätte Lena wohl dazu gesagt. Leider hat sie selbst den Trubel um ihre Person nicht mehr erlebt, die übersetzungen ins Litauische, Russische, Polnische.

Der Begegnung mit Lena, diesem Augenblick im Jahr 1989, verdanke ich viel: Wo ist mein Platz? Weiß ich seitdem. Was ich als Kind schon gespürt und dann, in den Wirren und Zweifeln des Erwachsenwerdens, wieder verloren hatte, war mir jetzt ganz klar: Eigentlich muss ich mich nur treiben lassen, so wie der Affe Coco auf dem blauen Rad. Und wenn es mir irgendwo gefällt, verweilen, und dann nichts tun, bloß dasitzen und geruhsam Zuhören. Mittlerweile sind einige Abenteuer dieser Art zusammen gekommen, Reisebeschreibungen und Porträts, übrigens mehr von Frauen als von Männern. Keine Ahnung warum, es ist so. Jedenfalls entstand aus diesen Begegnungen die überzeugung, dass jeder Mensch, auch der unscheinbarste, uns etwas zu sagen hat, das Weltwissen eines Jeden gleich wichtig und gleich wertvoll ist.

Ich danke der Jury und der Stifterfamilie Abele und der Stadt Schorndorf. An diesem Tag möchte ich auch meinen "Heldinnen" danken (Sie sehen sie hinter mir auf der Leinwand):
Lena Grigoleit und ihren Töchtern Birute und Irena.
Der Moorbäuerin Erdmute Gerolis, die mir Zugang zur Offenbarung des Johannes verschafft hat.
Nadesda Boleslawowna Balzewitsch, die als junges Mädchen Fremdarbeiterin in Deutschland war und als alte Frau die Ruine des Königsberger Doms bewacht hat.
Der Übersetzerin Rita Pauls, geboren in der kasachischen Steppe, heute Stuttgart (sie ist heute hier), und ihren frommen GroßmÜttern, den Bauerntöchtern und Kolchosarbeiterinnen Maria Pauls und Alexandra Iwanowna Kirilowa.
Der blinden Gärtnerin Veronika Zimmermann, die die Welt klarer sieht als viele von uns.
Diese Frauen hätten Barbara KÜnkelin gefallen, ganz bestimmt.

Stuttgart, den 9. März 2012, Copyright Ulla Lachauer

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