Das Wappen Schorndorfs
   

2010 - Enja Riegel
Laudatio von Prof. Dr. Peter Fauser

 

 

 

 

(Matthias Klopfer, Oberbürgermeister von Schorndorf, Enja Riegel mit der Verleihungsurkunde vom 14.03.2010, Elsbeth Rommel)

"Der Mut befreit von der Sorge
um das Leben der Freiheit
in der Welt."
Hannah Arendt

Verehrte Festversammlung,
Herr Oberbürgermeister,
liebe Enja,

I.

Eine mutige Frau. Dass wir eine mutige Frau vor uns haben, das zu erkennen, ist wahrlich nicht schwierig.

Enja Riegel ist eine Frau,

  • die sich von ihrer großbürgerlichen Herkunft bis distanziert hat
  • bis zur Konsequenz der Enterbung
  • , als die politischen und gesellschaftlichen Fenster und Türen in Deutschland im Sturm des kritischen Denkens aufgeflogen sind und weil sie fest überzeugt war, dass soziale und pädagogische Gerechtigkeit in einer durch Klassenschranken und Privilegien geprägten Gesellschaft und Erziehung nicht verwirklicht werden können.

Sie ist eine Frau,

  • die ihrer überzeugung folgend, aus der Kirche ausgetreten und nach vielen Jahren wieder eingetreten ist - auch nun ihrer überzeugung folgend.

Sie ist eine Frau,

  • die gegen den Willen des Kollegiums Schulleiterin einer Schule geworden ist. "Als die rote Riegel kam, erschienen die Lehrer in Schwarz", titelt die Zürcher Landeszeitung in einem Bericht. Das war 1986.

Eine Frau,

  • die den Mut hat, ein Gymnasium in eine Gesamtschule umzuwandeln und - man muss es sagen - den Vorwurf in Kauf nimmt - oder provoziert - eine „heilige Kuh“ deutschen Bildungsdenkens und deutscher Kultur zu schlachten

Eine Frau,

  • die ihre Stimme öffentlich erhebt, die öffentlich Gesicht zeigt und nicht ausweicht - auch in einer Diskussion wie der jetzigen. Und gerade jetzt ist es besonders schwierig und wichtig zugleich, im Kräftefeld zwischen dem Schrecken und der Schändlichkeit des Missbrauchs einerseits, der Hemmungslosigkeit einer skandal- und enthüllungsgierigen Publizistik andererseits an einem Vernunftgebrauch festzuhalten, der auf Unterscheidung und Aufklärung setzt anstatt auf Generalverdacht und Hexenjagd.

Sie verleihen heute einen Preis, der einer Person mit ihrer ganzen Lebensleistung gilt. Seine Bedeutung reicht über den Tag, über diesen Tag, weit hinaus. Aber wir befinden uns an diesem Tag mitten in einer Krise der Erziehungsverhältnisse, in der man nicht schweigen darf. Lassen Sie mich deshalb in gebotener Kürze sagen: Es geht erstens darum, konkrete Vergehen einzelner aufzuklären und zu ahnden; das ist zweitens Teil der überfälligen Hilfe für die Geschädigten - beides ein Gebot der Gerechtigkeit. Es geht drittens und über den Einzelfall hinaus darum, in Schulen und überhaupt in pädagogischen Einrichtungen durch wirksame Instrumente professioneller Kontrolle und Selbstkontrolle, durch demokratische öffnung und öffentliche Rechenschaft dafür zu sorgen, dass überwältigung und Missbrauch in welcher Form auch immer verhindert werden können. Dazu brauchen endlich und dringlich Reformen in Schule und Lehrerbildung, wie sie fachliche seit langem gefordert werde. Wer Augen hat zu sehen, der kann sich in guten Schulen wie der Helene-Lange-Schule oder anderen Schulen beispielsweise des Deutschen Schulpreises kundig machen, wie das geht. Solche Reformen sind wesentlicher Bestandteil der Lebensarbeit und Lebensleistung von Enja Riegel - Früchte ihres Muts, für den sie heute ausgezeichnet wird.

II.

Lassen Sie uns einiges davon näher betrachten. Zwei Fragen möchte ich mit Ihnen gemeinsam bedenken. Erstens, was genau ist es, was diesen Mut ausprägt? Was macht ihn zu einer auszeichnungswürdigen zivilen Tugend, einer menschlichen Stärke? Und zweitens: Was ist beispielgebend am Denken und Handeln von Enja Riegel, oder, anders gesagt, worin liegt der Beitrag dieses Denkens und Handelns zur res publica - zur Regelung unserer gemeinsamen Angelegenheiten im Interesse der Menschlichkeit, im Interesse der nachwachsenden Generation, ihres Lernens und der Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse?

Ich betrachte die Umgründung eines Gymnasiums zur Gesamtschule. Das war 1986 - nicht 1968, wohlgemerkt, also zu einem Zeitpunkt, zu dem das Thema Gesamtschule als Reformthema eigentlich von der bildungspolitischen Tagesordnung verschwunden war. Die Bundesrepublik hatte sich eingerichtet in einer "zerklüfteten Schullandschaft", so die Charakterisierung eines damaligen Beobachters. Das heißt: Je nach Bundesland unterschiedlich standen drei bis fünf nach der Grundschule weiterführende Schularten wie getrennte Gebirgsstöcke nebeneinander, wobei der Anteil der Gesamtschulen, also der Schulen, die alle Kinder nach der Grundschule beisammen lassen und bis zum neunten oder zehnten Schuljahr gemeinsam unterrichten - umso geringer war und bis heute ist, je weiter man in der Republik nach Süden kommt. Die Messen schienen gelesen, die Bundesrepublik hatte sich der Realität einer stecken gebliebenen Bildungsreform ergeben. Das prägt das Strukturbild der alten Bundesländer fast unverändert bis heute und ist ein Unikum beinahe weltweit.

Um den pädagogischen und schulpolitischen Kern einer Gesamtschulgründung in den späten achtziger Jahren richtig verstehen zu können – und um zu verstehen, welche Art von Mut hier gefragt war, ist es hilfreich, einen Blick auf die gegenwärtige fachliche Debatte über Schulqualität zu werfen. Das kann hier nur blitzlichtartig geschehen. Wir wissen heute: Kinder sollten länger gemeinsam lernen. Frühe Auslese schadet. Lehrerinnen und Lehrer sollten über die Fähigkeit verfügen, Kinder ganz individuell zu fördern und zu fordern. Dabei ist die Arbeit mit Kindern unterschiedlicher Interessen, Herkünfte, und Begabungen oder Fähigkeiten in altersgemischten Lerngruppen - wir sprechen von Heterogenität -, ein Vorteil für alle - unter der Voraussetzung, dass Lehrerinnen und Lehrer ihr anspruchsvolles berufliches Handwerk beherrschen. Wenn Schulen solche Prinzipien beherzigen, ist ihre Qualität gerade nicht von der Schulform abhängig, der sie angehören. Es kommt auf die Einzelschule an. Vergleicht man Schulen, die beim Deutschen Schulpreis weit nach vorne kommen, dann ergeben sich zwischen sehr guten Gesamtschulen, Grundschulen, Gymnasien, Förderschulen überraschend viele Gemeinsamkeiten: Dass diese Schulen alle Kinder mitnehmen, das Sitzenbleiben praktisch abgeschafft haben, vielfältigste Formen entwickelt haben, wie in unterschiedlich zusammengesetzten Gruppen, aber auch ganz individuell gelernt wird -, das alles sind Qualitäten, die noch immer am besten im Idealmodell einer integriert-differenzierten Gesamtschule ihren konzentrierten konzeptionellen Ausdruck finden. Man muss allerdings sofort hinzufügen: Es wäre eine entscheidende Verkürzung, wollte man allein in einer veränderten Organisation der Schule das Heil suchen. Der organisatorische Rahmen ist nicht mehr als der Rohbau.

III.

Und genau an diesem Punkt liegt ein wesentlicher pädagogischer Reformschritt, mit dem die Helene-Lange-Schule einerseits an die Ursprungsidee der Gesamtschule anknüpft - eine Schule für alle Kinder zu organisieren und -, und zugleich wesentliche Schwächen der Gesamtschulen der ersten und zweiten Generation überwindet. Es ist mir bewusst, dass ich mit meiner Ausführung fachlicher Details vielleicht über das hinausgehe, was in einer öffentlichen Laudatio erwartet wird und üblich ist. Aber anders kann nicht wirklich mit einiger Tiefenschärfe verdeutlicht werden, worin die pädagogische Leistung von Enja Riegel liegt. Zurück also zur Helene-Lange-Schule. Der entscheidende Schritt über die ersten Gesamtschulkonzepte hinaus beruht darauf, dass die Schule nicht nur Organisationsformen verändert, sondern das Lernen von Kindern und Jugendlichen ganz neu zu sehen lernt, und dass sie dann die Schule, vor allem aber die beruflichen Handlungsroutinen der Lehrerinnen und Lehrer konsequent so umbaut, dass sie diesem veränderten Verständnis des Lernens gerecht werden.

Heute reden wir in der weltweiten Fachdiskussion von "Kompetenz", um zu charakterisieren, worauf es bei einem solchen neuen Lernen ankommt. Lernen ist eine aktive Leistung des Einzelnen, es braucht Erfahrung, Austausch mit anderen, es muss die Vorstellungskraft herausfordern durch Aufgaben, die welthaltig und zugleich werthaltig sein. Die Lernverhältnisse dürfen nicht isoliert neben den Lebensverhältnissen stehen, sondern müssen sie aufgreifen, ergänzen, erweitern, kultivieren, korrigieren. Für eine Schule, die sich auf ein solches Verständnis von Lernen fördernd ausrichtet, gehen die pädagogischen Gestaltungsaufgaben weit über das hinaus, was wir mit unserer alten Vorstellung von Unterricht noch immer weitgehend verbinden, also Tische und Stühle in Reih und Glied, die symbolisch dafür stehen, dass auch das Lernen in Reih und Glied zu erfolgen habe. Eine solche Schule wie die Helene-Lange-Schule ermöglicht und fördert Lernen durch naturwissenschaftliches Erkunden und Forschen, durch historische Spurensuche, durch Theaterarbeit über Wochen, durch öffentliche Aktionen, durch tätiges Engagement für Partner in Entwicklungsländern, durch Putzen als selbstverantwortete Leistung der Schülerinnen und Schüler, durch intensive ständige Zusammenarbeit der Kollegen, durch Evaluation, durch die entwicklungsförderliche Kooperation mit Schulen im In- und Ausland.

IV.

Der Mut, für den Enja Riegel heute ausgezeichnet wird, tritt uns hier in einer ganz bestimmten Gestalt entgegen, als die Fähigkeit, sich frei zu machen vom Korsett bestandsmächtiger, aber fachlich absurd gewordener Strukturen, sich aber auch frei zu machen von den Beschränkungen und Einseitigkeiten früherer eigener Reformkonzepte. In Enja Riegels Leben finden sich beeindruckend viele Aufbrüche – die ja immer auch Brüche mit Bestehendem und Erreichtem verlangen – und beeindruckend viele Selbstkorrekturen – neue Aufbrüche, die aus der Revision der eigenen Erfahrung und aus der selbstkritischen Einsicht in Grenzen oder Einseitigkeiten frührer Konzepte resultieren. Dafür ist nicht nur die Abkehr vom real existierenden Gymnasium alter Prägung und die Abkehr von vielen ebenso starr gewordenen real existierenden Gesamtschulen charakteristisch. Die gleiche Aufbruchskraft – sagen wir dazu vielleicht besser und richtig: den gleichen Reformmut erkennen wir in der Hinwendung zu Theorie und Praxis gesellschaftskritischer und antiautoritärer Ansätze, Konzepte und Experimente – und nicht weniger, und das ist das eigentlich Prägende – in der souveränen und selbstkritischen Revision dieser Konzepte, der Einsicht, dass Kinder und Jugendliche eine Umgebung brauchen, die Halt und Widerstand bietet, vor allem durch die Menschen, die beides durch ihre Präsenz garantieren.

Reformmut braucht den sprichwörtlichen „Mut vor Königsthronen“ in zwei Richtungen: Er braucht ihn nach außen gegenüber Institutionen, Positionen und Personen, die Macht haben und sie gebrauchen, um an Erziehungsverhältnissen festzuhalten, die mehr Kinder und Familien benachteiligen als vermeidbar wäre. Reformmut verlangt aber auch Mut vor den Königsthronen, die wir in unserem Inneren selbst errichtet haben – aus unseren Ideen, Gedanken, Erfahrungen, unseren Verletzungen und Vorurteilen und aus den Selbsttäuschungen, die im Schlagschatten des Erfolges oft unvermerkt und allzu schnell unser Inneres besetzen. Beides zusammen – der Mut nach außen und der Mut nach innen - ist notwendig, um einen umfassenden, komplexen, professionell höchst anspruchsvollen Umbau der Schule wie den der Helene-Lange-Schule vorantreiben zu können. Die Helene-Lange-Schule ist nicht die einzige Schule, die einen solchen pädagogischen Entwicklungsweg genommen hat. Und in der Tat: An Schulen mit vergleichbarer Strahlkraft trifft man fast immer auf einen vergleichbaren Wagemut. Ihm verdanken wir Schulen, die richtungsweisend weil dem sogenannten Normalfall voraus sind. Das zeigt sich immer dann besonders eindrucksvoll, wenn in der fachlichen und fachpolitischen Debatte vermeintlich neue Konzepte entdeckt und propagiert werden – und man dann erstaunt feststellt, dass es Schulen gibt, die diese Konzepte schon lange realisieren. Ob es um Individualisierung oder Portfolios, um gebundene Ganztagsschule oder Kompetenzorientierung geht, um jahrgangsübergreifende Lerngruppen oder um praktisches Lernen, um Inklusion oder um integrierte Bildungslandschaften - alles das ist an exzellenten Schulen schon zu finden, wenn die öffentliche Debatte es entdeckt. Es sind Schulen, die in dieser Weise Fachlichkeit, Demokratie und Professionalität verbinden, die heute das repräsentieren, was auf der Höhe der fachlichen Debatten legitimerweise mit dem Begriff der Reformpädagogik verbunden werden kann. Das hat mit Leistungsfeindlichkeit, mit totalitärer überwältigung oder mit verfehlter Nähe egal welcher ideologischen Provenienz nichts gemein.

Der Fähigkeit von Enja Riegel, immer wieder initiativ zu werden und die eigenen Erfindungen auf den Prüfstand zu stellen, dann aber ausdauernd, hartnäckig bis zur Sturheit tätig zu werden, Partner zu finden, Geldgeber zu überzeugen, kommt noch etwas weiteres zu Gute, die Offenheit gegenüber der Wissenschaft. Das ist nicht zu unterschätzen. In Deutschland ist eine wechselseitige, sorgsam und bis zur Borniertheit gepflegte Distanz von Wissenschaft und Praxis leider Gottes gerade in der Pädagogik verbreitet. Enja Riegel hat immer den fachlichen Austausch mit der Wissenschaft gesucht – und dabei nicht nur selbst Anregungen und Konzepte aktiv aufgegriffen, sondern durch ihre Erfahrung, durch ihre Bildung und ihr glasklares Denken ihre Kooperationspartner bereichert und angeregt. Für mich und viele meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für eine große Zahl angesehener Kolleginnen und Kollegen gehört die kollegiale Zusammenarbeit, der immer spannungsreiche fachliche Austausch und nicht zuletzt die freundschaftliche Verbundenheit zu den biografischen Geschenken und Glücksfällen. Die verschiedenen Reformprojekte und –programme, an denen ich in den letzten Jahrzehnten mitgewirkt habe – genannt seien das Praktische Lernen, das Imaginative Lernen, das Programm Demokratisch Handeln, der Deutsche Schulpreis- haben alle in der einen oder anderen Form von Enja Riegel profitiert.

Enja Riegel ist, das sei ausdrücklich hervorgehoben, - auch wenn das jedem klar ist, der sie auch aus nur einem Gespräch kennt - durch Status oder Fachjargon überhaupt nicht zu beeindrucken. Eine kleinmütige Ehrfurchtshaltung, die aus dem deutschen Fundus obrigkeitlichen Denkens stammt, hat bei ihr keine Chance. Sie ist streitbar und von großer Sprachkraft und Deutlichkeit in Fachdebatten wie in öffentlichen Situationen. Zahllose Interviews, Filme, Rundfunk- und Fernsehauftritte zeugen davon. Es ist nicht von ungefähr, dass ihr Expertise in Wissenschaft und Praxis über Deutschland hinaus nach wir vor sehr gefragt ist. Ich wünschte mir mehr Fachleute auf beiden Seiten, die sich im Interesse der Erziehung aufeinander einlassen – im Denken, mehr aber noch im tätigen Einsatz für eine bessere Schule. Ich lasse die Frage hier offen, ob das wirklich so sein muss in Deutschland, dass Schulreformen gegen den Sog konventioneller Verhältnisse und oft genug gegen den anhaltenden Widerstand von Politik und Verwaltung errungen werden müssen.

V.

Liebe Enja, was kann ich Dir, was können wir Dir wünschen für die kommenden Jahre? Der siebzigste Geburtstag - ein auch für mich nicht mehr allzu ferner Lebensgipfel. Meiner Imagination erscheint er wie ein mächtiges, in sich ruhendes freistehendes Massiv wie der Kilimandscharo oder der Fujiyama, ein, wie es der Symbolik der zehnfachen Sieben entspricht, besonderer Ort, der ein Geheimnis verspricht und einen weiten freien Blick rundum - auf erkämpfte Höhen und durchlittene Tiefen, auf liebliche Ebenen, dunkle Täler und auf einen näher rückenden Horizont. Er gehört noch zur Gegenwart und den vitalen Forderungen der Zeitgenossenschaft und zugleich schon zur entrückteren Sphäre des Alters, seinen Versprechungen und den ihm eigenen ganz neuen Mutproben. Neben der Vita activa, dem tätigen Leben der Schulgründerin, der politischen Akteurin und öffentlichen Person, der kämpferischen Reformerin, protestbereiten, reaktionsschnellen Zeitgenossin, mit der man rechnen muss und auf die man zählen kann, gibt es noch eine andere Enja Riegel, die mit den Jahren ihrer eigenen Spiritualität immer intensiver nachgespürt und immer mehr Raum gegeben hat.

Die Rückkehr in die Evangelische Kirche, die wiederholten Exerzitien, geistigen und geistlichen übungen zeugen davon. Aber sie sind nicht das Eigentliche der Spiritualität, sondern Mittel und Ausdruck ihrer Entfaltung und Kultivierung. Ihr "Eigentliches" liegt im zunehmend deutlicheren Gewahrwerden der Grenze unserer Erfahrung, unserer Handlungen, unserer Wahrnehmung, dessen, was uns die Sinne über die Welt mitteilen, dessen, was wir durch die Kraft und Wirkung rationaler Instrumente und Systeme - durch Wissenschaft, Recht, ökonomie, Technik - also durch die großen Triebkräfte der modernen Welt - erreichen können und was nicht. Dazu gehört auch eine wachsende Gewissheit, dass die Wirklichkeit nicht an dieser Grenze endet. Dazu gehört auch die überzeugung, dass der Mensch Weltoffenheit besitzt, weil er von der Natur, wie Nietzsche dies pessimistisch pointiert hat, „noch nicht festgestellt“ sei. Für mich gehört zu dieser Offenheit des Menschen auch sein Sinn für Religion und ein Gefühl für Transzendenz. Man kann dieses Gefühl in esoterische Gewänder kleiden und mit einer Abwendung von den schnöden Alltäglichkeiten des Alltags verbinden. Man kann es aber auch als besonders kostbare Entdeckung auf dem Weg der kritischen Besinnung dankbar annehmen, als befreiende Konsequenz der Einsicht in die Fehlbarkeit der Mittel und Wege, die uns gegeben sind. Dann erwächst aus diesem überscheiten, diesem Transzendieren, eine neue Aufmerksamkeit für die Quellen der menschlichen Erneuerung und ein besonderer Sinn für die Inspiration, die in humanisierenden Gedanken und praktischen Erfindungen liegt, ein Sinn für Veränderung und Reform, der sich nicht aus der weltflüchtigen Sehnsucht nach der blauen Blume der Romantik speist, sondern der welthaltigen Begeisterung für das entspringt, was die Gesellschaft zusammenhält.

Im beschleunigten Wandel der Moderne gerät die Schule in eine neue Lage. Sie muss angesichts rasant wachsenden Wissens und kürzer werdender Verfallszeiten des Wissens beides befördern: Die Fähigkeit, selbstständig zu denken und zu handeln, produktive Vorstellungskraft - die wichtigste geistige Quelle und Kraft für eine humane Zukunft - und die Bereitschaft und Fähigkeit der Nachwachsenden, das Bestehende und Erreichte so gut wie möglich aufzunehmen und zu bewahren. Wir nennen diese Qualität von Lernen und Bildung "Kompetenz". Erikson hat von "getreuen Rebellen" gesprochen, um das Persönlichkeitsbild zu beschreiben, das damit gemeint ist. Mir begegnet in Enja Riegel eine solche „getreue Rebellin“, und Vorsicht: man kann sich anstecken.

VI.

Was können wir Dir wünschen? Meine Gedanken haben mich auf die Spur der Spiritualität geführt. Man spürt sie in Deinen Texten, in den pädagogischen Konzepten, Erfindungen und Entwicklungen, an denen Du beteiligt warst und bist, an beispielsweise der Fähigkeit, Mathematik und Theaterspiel zusammen zu sehen. Um das zu können muss man begreifen, dass die verschiedenen Formen unseres Erkennens, Denkens und Handelns – die abstrakte Regelhaftigkeit der Mathematik, die Offenheit der Sprache, die unendliche Gestaltfülle der schönen Künste, die strenge Bindung der Naturwissenschaften an das, was wir beobachtend mitteilen können – dass also diese verschiedenen Ströme der ihnen gemeinsamen Quelle der Einbildungskraft, dem Erfindergeist entspringen. Die Spur der Spiritualität erkennt man auch in der Anziehungskraft, die bei der Begegnung mit Lehrerinnen und Lehrern auf Tagungen und Konferenzen von Dir ausgeht und ganz besonders an Deinem Reden, an Deinem Gespräch. Da offenbart sich eine Mischung aus intellektueller Prägnanz, stupender fachlicher Könnerschaft und Spiritualität - geistiger Leidenschaft, Begeisterung. Es ist ein Reden, das sein Koordinatensystem mitkommuniziert. Es wird aus den Dimensionen der Welthaltigkeit und der Werthaltigkeit gebildet. Und es wird immer von der Frage begleitet, worauf es eigentlich ankommt, was uns Richtung und Sinn gibt, was uns trägt in der Welt und bei den Grenzüberschreitungen, die uns das Leben eröffnen und die es uns aufnötigen kann.

Das sind schon außerordentliche Quellen und Gaben für lange erfüllte Jahre. Gleichwohl wollen Sie im Alter neue organisiert werden, sich zu einer eigenen guten Form verbinden. Für mein Nachdenken über das Alter ist natürlich seine Einbettung und Bedeutung im Verhältnis der Generationen bestimmend. Zwei Maximen oder Konzepte sind mir dabei besonders wichtig geworden. Es ist zum ersten das Konzept der "zweiten Naivität" von Paul Riceur, dem französischen Psychoanalytiker und Philosophen, zum zweiten ist es der Begriff der Generativität des Entwicklungspsychologen Erik Erikson. Ich komme gleich darauf zurück.

Was ist gemeint mit der "zweiten Naivität"? Es gibt eine wunderbare Fotografie, die ich mit Ihnen anschauen möchte - in der Vorstellung - wobei ich annehme, dass nicht wenige hier sie kennen. Das Foto ist in der ZEIT vom 27. Dezember 2007 erschienen. Es zeigt Enja Riegel inmitten einer Kindergruppe, genauer, einer Gruppe von Kindegarten-Zwergen, die mit Rucksäcken und Wollmützen auf einer Waldwanderung sind. Sie haben einen umgestürzten Baum entdeckt, der wie ein Drachen mit aufgerissenem Rachen daliegt und auf einen Helden oder eine Jungfrau zu warten scheint. Ein Urwald und eine Horde von Urmenschen, die sich über ihre Beute hermachen. Einer hat die Mütze so tief in die Stirn gezogen, dass er vermutlich nur die Beine der vor ihm stehenden Enja Riegel in ihrem orangerotem Anorak sehen kann.

VII.

Enja Riegel schaut in die Kamera, sie steht und schaut wie eines der Kinder, mit einem Blick und Ausdruck, der mehr auf Finden als auf Suchen, mehr auf die Gegenwart und ihre Wunder als auf die Zukunft und ihre Aufgaben ausgerichtet ist, aus dem mehr die Gemütspräsenz spricht als die pädagogische Intentionalität oder Professionalität in Zeiten der Kompetenzdebatte. Siegfried Bernfeld hat vor fast hundert Jahren so einfach und klar gesagt, was in diesem Foto sichtbar wird. Wir haben es demnach als Erwachsene in der Erziehung mit zwei Kindern zu tun, dem Kind vor uns und dem Kind in uns, das wir geblieben sind. Das beschreibt gut, was mit der "zweiten Naivität" gemeint ist: Die Fähigkeit, sich auf die Welt der nachwachsenden Generation, überhaupt der Menschenkinder, so einzulassen, als ob die Welt neu erschaffen wäre oder zumindest, überhaupt erst zu entdecken sei - aber, und das ist das Entscheidende, nicht von diesseits des gelebten Lebens, sondern von einem imaginären oder imaginativen Ort, den man nur findet, wenn man die Grenze überschreitet, die vom planierten Gelände der Faktizität in den ewig ungerodeten Urwald der spirituell belebten Wirklichkeit unserer Vorstellungskraft führt.

Für die Tugend, also die menschliche Stärke, eine solche zweite Naivität ausmacht, hat Erik Erikson den Begriff der Generativität geprägt. Erikson betrachtet die Lebensspanne als eine Folge von Entwicklungsaufgaben, die bewältigt oder verfehlt werden können. Die Herausforderung des Alters sieht er darin, angesichts des nahenden Todes nicht zu verzweifeln und damit das gelebte Leben zu entwerten ..., sondern zur Haltung der Generativität zu finden. Sie umfasst aus meiner Sicht vor allem zweierlei: erstens die Fähigkeit, in der schöpferischen, der generierenden Kraft der Jüngeren die legitime Erbin der eigenen Vitalität zu achten, zweitens die moralische Einsicht, dass im Generationsverhältnis den älteren eine größere Verantwortung zufällt als den Jüngeren. Generativität heißt, die Bühne - wenn die Zeit kommt - nicht gekränkt zu verlassen, sondern freizugeben für das neue Stück und ihm noch Anteil nehmend zu folgen, so lange das Leben es zuläßt.

Ich wünsche Dir für den kommende Abschnitt Deines Lebensweges

  • die unbändige Freude am Nachwuchs
  • die unerschütterliche Freiheit wahrhaftiger Rede
  • den unbeirrbaren Willen zum öffentlichen Gebrauch der Vernunft, zur Einmischung in die gemeinsamen Angelegenheiten
  • den unverdrossenen Einsatz für die Erneuerung der Erziehung.

Und den bleibenden Mut zur altersweisen Grenzüberschreitung. Er verlangt, dass wir alles selbstkritisch zurücknehmen, was unser Denken und Handeln mitreißt, nur eines nicht: die Achtung vor der menschlichen Würde.

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