Das Wappen Schorndorfs

2006 - Dr. Dagmar Konrad und fünf Nachfahrinnen von Missionsbräuten
Laudatio von Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger

Preisträgerin - 1984 - Katharina Adler  

 

 

 

 

 

Die sechs Preisträgerinnen Hildegard Lutz, Rosmarie Gläsle, Dr. Dagmar Konrad, Maria Schmid, OB Winfried Kübler, Hede Lempp, Wildtrud Oehler (von links nach rechts)

Heute, am 12.03.2006, wird der Barbara-Künkelin-Preis zum 12. Mal verliehen. Es mag an meiner langen Beschäftigung mit dem Pietismus liegen, dass ich darin keinen Zufall sehe. Denn 12 Jahre ist es her, dass Dagmar Konrad in Tübingen bei mir ihre Magisterarbeit beendete - und wir fanden, das könne es noch nicht sein:

Bei der Verlobung von Missionar und Missionsbraut einfach aufzuhören, wo das Leben 'draussen' doch erst so richtig begann; mit den Paargeschichten in der Mission, mit den Problemen. Seither verbindet uns das Thema, seither lässt es Dagmar Konrad nicht los, und seither hat es in der Öffentlichkeit eine nie geahnte Wirkung entfaltet. Fast 3.000 verkaufte Exemplare einer Doktorarbeit seit ihrem Erscheinen im Jahre 2001: das, so die Fachleute, sei sensationell für eine Dissertation, aber auch für ein wissenschaftliches Buch überhaupt. Dies Buch wird freilich nicht nur wissenschaftlich rezipiert - wohl die Hälfte ging an ganz einfach Interessierte, vor allem nach Vorträgen von Dagmar Konrad. Erst dadurch sind Missionsbräute zum Thema, sind sie öffentlich geworden. Dagmar Konrad hat seit Abschluss ihrer Dissertation - damals bei mir in Marburg, wohin ich 1994 gewechselt hatte - den Missionsbräuten unermüdlich, im ganz wörtlichem Sinne, ein 'Nachleben' geschaffen durch ihr Schreiben und Reden, durch ihre Vorträge an Hochschulen, Volkshochschulen, in Kirchen- und Ortsgemeinden, vor Wissenden und Unwissenden - oder, wie es die Sprache der Mission formuliert hätte, vor Bekehrten und vor Heiden... Die Missionsbräute leben, sie sind in vieler Munde, und sie sind lebendig in den Medien. Auch deshalb beschlossen wir, weiterzumachen und ein Projekt zu beantragen, das die Nachfahren und die nachfolgenden Problem der Missionsbräute, die sogenannten Missionskinder in den Mittelpunkt stellt.

Und nun - unerwartet, ungewöhnlich - der Barbara Künkelin-Preis: Heute zum 12. Mal seit seiner Stiftung im Jahre 1983 verliehen - und zum ersten Mal, soweit ich sehe, im Rahmen von wissenschaftlichen Forschungen. Ist, so müssen wir fragen, das denn sein Sinn? Widerspricht das nicht geradezu seinen Statuten, seiner Zielsetzung, seiner Herkunft und damit seiner ursprünglichen Stiftungsidee?
Darüber - auch - hat die Jury gründlich beraten, und sie hat es sich nicht leicht gemacht. Sie war sich der Gratwanderung dessen bewusst, was es heißt, jene in der Präambel der Stiftungsurkunde formulierten Sätze neu zu interpretieren - und sie doch in ihrer intendierten Gültigkeit zu belassen. Der Barbara Künkelin-Preis solle erinnern, so heißt es dort wörtlich, an "Barbara Künkelins und der von ihr angeführten Frauen historische Tat, die erfolgreiche Verhinderung der Übergabe der Gemeinde Schorndorfs an die Franzosen im Verlauf des Pfälzischen Erbfolgekrieges 1688 (...an) Barbara Künkelin (...) als eine - für ihre Zeit - emanzipierte, sozial engagierte und tätig-fromme Frau (...) Die Verleihung des Barbara Künkelin-Preises richtet sich dem-entsprechend an einen Kreis von Frauen und Frauengruppen, die zum Wohle der Bürgerschaft im Sinne Barbara Künkelins vorbildlich und erfolgreich tätig wurden, ohne ihr Ansehen einem von ihnen oder ihrem Mann bekleideten Amte zu verdanken. Die mit der Preisverleihung beabsichtigte Würdigung solcher Vorbildwirkung dient neben dem Andenken Barbara Künkelins zugleich der Achtung der Frau in der Bürgerschaft unserer Stadt. Ihren Namen trägt sie mit dem der Namengeberin in jeweils neuer, zeitgemäßer Deutung ins Land hinaus."

Darauf kam es uns an - und darauf muss es, so meine ich, zentral ankommen, soll ein Preis und seine Stiftungsidee lebendig bleiben. Denn das neue Andere dieser Preisverleihung liegt zum Einen - hier und heute sichtbar - in der Zahl, zunächst. Es sind sechs Preisträgerinnen, genauer "Eine + 5", verschieden nach Herkunft, Alter und Prägung. Aber, zum Anderen und Zweiten, liegt das Neue auch in der Entscheidung der Jury: Das Buch "Missionsbräute" beruht zwar auf wissenschaftlicher Arbeit, aber die wissenschaftliche Forschung war nicht ausschlaggebend, war nicht Grund und Ziel für den Preis, sondern nur ihr indirekter Anstoß, ihr Auslöser.

Würdigung durch einen Preis hat zu tun - die Statuten formulieren es - mit Würde, mit Wert. "Würde" und "Wert" haben einen gemeinsamen Wortstamm, eine Wurzel. Dagmar Konrad hat mit ihren Forschungen, mit ihrem Engagement, ihrer konsequenten, intensiven und überzeugenden Öffentlichkeitsarbeit den Missionsnachfahren heute ebenso wie den historischen Missionsbräuten ihren Wert und ihre Würde zurückgegeben, die durch ‚Zeit- und Glaubensferne’ lange und bis heute oft erschwert, ja verstellt waren. Die "Erinnerungsräume", so könnten wir es auch mit einem wissenschaftlichen Modewort der Gegenwart formulieren, waren lange Zeit versiegelt, sie waren vermauert, ja zubetoniert. "Mission" war, scheinbar klar und für alle Zeit gültig, Menschen von Gestern zugewiesen. Mission wurde so zum Tabu, zum Schweigen, zu einem Nicht-Thema.

So kam es zum Beschluss der Jury mit folgender Begründung und Neuerung: "Ausgezeichnet wird Dr. Dagmar Konrad für ihre Forschungen über Missionsbräute - Frauen, die im 19. und 20. Jahrhundert einen ihnen unbekannten Missionar der Basler Mission heirateten und in Indien, China und Afrika lebten. Briefe, Tagebücher und Fotografien sind die Spuren, die diese Frauen hinterliessen und anhand derer Dagmar Konrad ungewöhnliche und faszinierende Leben rekonstruierte. Die Quellen befanden sich meist im Privatbesitz der Nachfahrinnen.

Miteinbezogen in diese 12. Preisvergabe des Barbara Künkelin-Preises werden die Töchter und Enkelinnen der Missionsbräute, die durch das Bewahren und Zugänglichmachen der sehr privaten Selbstzeugnisse es erst ermöglichten, dass Dagmar Konrad zur Biografin dieser vergessenen Frauen werden konnte. Sie hat den Missionsbräuten so - wieder - eine Stimme verliehen und einen Zugang zu den Lebens- und Denkwelten dieser Frauen geschaffen.

Dagmar Konrads Forschungen und ihre mediale Präsentation in Fernsehen, Rundfunk und Vorträgen führte auch dazu, dass sich die Familien und die Mission mehr mit ihrer Frauengeschichte beschäftigten, dass nach alten Briefen gefahndet wurde, in einer breiteren Öffentlichkeit der Blick sich auf diese Frauen richtete und Klischees aufgebrochen wurden. Mit dieser Preisvergabe wird somit - innovativ und erstmals - auch die emanzipatorische Wirkung von Frauenforschung gewürdigt."

Damit erfüllt die heutige Preisverleihung auf neue Weise, so meine ich, das, worauf dieser Preis den Blick lenken will:

  1. vom Individuum, von den Einzelnen zur gemeinsamen Tat;
  2. auf das Widerstehen und Widersprechen, nicht auf das Schweigen und stille Dulden; und schliesslich
  3. auf das gemeinsame Tun als einen Aufbruch, gemeinsam und für eine wichtige Sache, geplant und zielorientiert.
    "Missionen" - nicht nur die der Barbara Künkelin, die eben für die Rettung der Stadt als Lebenswelt und nicht gegen einen Feind vorrangig zu definieren ist; aber ebenso gilt dies für alle großen und kleinen Missionen von Menschen! - gelingen besser im Miteinander. Das gilt für die Schorndorfer Frauen und Barbara Künkelin ebenso wie für die Basler Mission, in der - wie mein Tübinger Lehrer Hansmartin Decker-Hauff es gern formulierte - mit patrizischem Geld und schwäbischem Blut, also von Honoratioren, Kaufleuten, Pfarrern und Laien, Männern und Frauen gemeinsam ihr Glauben und Leben zwischen Himmel und Erde gestaltet haben.

‚Dagmar Konrads Mission’ war und ist auch ein solches, ein ganz besonderes Miteinander. Sie hat die Forschung, das Archiv und die Selbstzeugnisse, die sogenannten "Ego-Dokumente" ebenso Ernst genommen wie die lebenden Menschen (die für die Forschung heute, so ein weiterer unschöner Begriff, die "Beforschten" sind!). Damit hat sie etwas in Gang gesetzt, was wir eine enorme Wirkungsgeschichte nennen können. Sie hat verfolgt, was aus der Idee von damals in der gelebten Realität, durch und mit Hilfe von Menschen geworden ist. Sie hat Mission, live und vor Ort, mit allem Guten, mit "dem Segen" ebenso wie mit den Sorgen, den Nöten, mit der Lebensbedrohung und den Ängsten eindrücklich lebendig werden lassen. Dagmar Konrad hat sich dabei - von Anbeginn - nie ‚erhoben’ über ihr Forschungsfeld und seine Menschen. Und sie hat sich nie erhaben gefühlt - nicht als Wissenschaftlerin und Forscherin, nicht als junge Frau einer angeblich modernen Zeit gegenüber früheren Generationen. Auch nicht über Gläubige oder Kritiker oder über 'die Heiden', 'die Mission' oder 'das Missionarische'. Ihr Zugang war allein die Neugier, der Aufbruch in fremde und unbekannte Welten, von Anfang an.

Ich erinnere mich, als mir Anfang der 1990er Jahre die damalige Gerlinger Stadtarchivarin Agnes Maisch ein Exemplar der "Heimatblätter" zukommen ließ, auf dem als Titel stand "Gerlinger Missionare". Als ich mich bedankte, verriet sie mir: das wahrhaft Spannende und Unerforschte an dem Thema seien die Frauen, die sogenannten Missionsbräute. Auf dem Titel dieses Heftes leuchtet azurblau der Kilimandscharo, davor grasen friedlich fünf Elefanten. Das Bild erinnerte mich an jene Sanella-Bilder, die wir als Kinder gesammelt und in Alben geklebt haben. Das war, zusammen mit den Lambarene-Büchern, die wir später lasen, "mein Afrika" aus der Kindheit gewesen - bis zu eben jener Begegnung in der Lektüre des Gerlinger Heftes. Dass daraus auch für Dagmar Konrad eine lange Geschichte, die der "Missionsbräute heute" werden würden, wussten wir damals noch nicht.

Der Gedanke, das daraus auch der Barbara Künkelin-Preis werden könnte, kam mir erstmals im September 2005, als ich zwei Leserbriefe zu Augen bekam, die Hildegard Lutz und Rosmarie Gläsle geschrieben hatten als Antwort auf eine Rezension des Buches von Dagmar Konrad. Ihre Verfasserin war Astrit Lipinsky, veröffentlicht war sie in der Zeitschrift "Menschenrechte für die Frau". Die Autorin hatte das Thema Missionsbräute mit Frauen- und Menschenhandel in Verbindung gebracht - zu Unrecht und verzerrt, wie die beiden Schwestern in ihren Leserbriefen ganz unabhängig voneinander befanden und auch genau, in einer sehr engagierten und klaren Weise begründeten. Mutig, klug und eigenständig nahmen sie dagegen Stellung - ohne Zorn, aber in der Sache fest und sicher begründeten sie ihre Sicht. Rosmarie Gläsle hat in ihrem Brief, auf zwei dicht beschriebenen Seiten die Gründe im Detail dargelegt. An einer Stelle formulierte sie das, was auch für die Jury den Ausschlag gegeben hat:
"Dagmar Konrad hat es als kompetente Ethnologin verstanden, mit grosser, sensibler Einfühlung, (...) diesen längst verstorbenen Frauen zu begegnen, hat ihnen eine Stimme gegeben, ohne eine ‚Brautwerbung’ in einer für uns fremden Welt des 19. Jahrhunderts zu verdammen. Ich hörte Dagmar Konrad bei einer ihre Lesungen ihres Buches sagen, dass diese Missionsbräute ihr zu ‚Freundinnen’ geworden sind." Hildegard Lutz spricht davon, dass für Dagmar Konrad diese Frauen zu "Schwestern" geworden seien.

Hier, so merkte ich beim Lesen, war längst ein Netzwerk entstanden, etwas ganz Eigenes und Neues. Und dies bei den Nachfahrinnen ebenso wie bei Dagmar Konrad. Beider Wege verbindet heute die Spurensuche und das Schaffen von Erinnerungsräumen: Dagmar Konrad hat mit ihrer Spurensuche Erinnerungsräume geöffnet und damit das zugänglich gemacht, was bis dahin verschwiegen und verdrängt war, weil es als unzeitgemäß galt. Sie hat damit Orte und Räume geschaffen für Erinnerungen, und sie hat damit das real befördert, was das große Wort vom "Kulturellen Gedächtnis" immer und stets aufs Neue meinen sollte: ein Gedächtnis, das lebt - im Austausch und im Verstehen, ohne Parteien und Konfrontationen zu schaffen.

"Frauen als Denkmäler haben es schwer", so sagte ich am 10. März 2001 hier in Schorndorf, im Gedenken an den 350. Geburtstag von Barbara Künkelin - "vor allem, wenn sie - die Frauen - real existiert haben." Und weiter: "Frauen als Denkmäler haben es schwer: Denn die Sockel sind besetzt." Heute fügen wir hinzu: Denkmäler sind zwar stumm, und sie mögen besetzt sein; aber sie können - durch uns - zum Reden und zum Leuchten gebracht werden. Auch: hinterleuchtet werden, wie ein Transparent. So stehen sie, leuchten, sind öffentlich sichtbar. Und so sind sie uns - die Denkmäler wie die Preise! - Weg-Zeichen und Weg-Marken, welche die Traditionen und Generationen, das Gestern und Heute gleichermaßen Ernst nehmen, es öffnen und verbinden.

Webauftritte von Dr. Dagmar Konrad:

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