Das Wappen Schorndorfs

1994 - Suzana Lipovac
Laudatio von Hildegard Lüning

Preisträgerin - 1984 - Katharina Adler   Suzana LIPOVAC - geboren in Stuttgart im Februar 1968 als Tochter einer kroatischen Familie, die in Bosnien zu Hause ist. In ihrem Heimatort gibt es eine Straße, die nach dieser Familie benannt ist, die Lipovac-Straße. Achtzig Verwandte leben noch dort. Sie selbst wächst in Stuttgart auf. Ihre Eltern sind Zugewanderte...

Menschen, die wir bestenfalls als Gastarbeiter wahrgenommen haben.

Sie sind sehr fleißig, schaffen viel: der Vater als Elektriker, jetzt Betriebsrat in einer großen Firma, die Mutter im Drei-Schichten-Dienst, Früh-, Spät- und Nachtschicht, in einem Rechenzentrum. Die zwei Töchter können zur Oberschule gehen, sie sind begabt, machen Abitur. Suzana absolviert anschließend eine Ausbildung als Europa-Sekretärin. Das ist ein relativ neuer Beruf mit ziemlich vielen Chancen. Sie bekommt einen guten Arbeitsplatz und hat Karriereaussichen.

Das war so bis zum Sommer 1992. Seither ist sie im Einsatz für Kriegsopfer in ExJugoslawien. Durch Verwandte ... erfährt sie vom Kriegselend in der Heimat ihrer Eltern. Sie leidet, wie viele von uns, unter dieser anteilnehmenden Ohnmacht, die wir bestenfalls mit Geldspenden überbrücken. Hier ein kleines Zitat aus ihren dort gewonnenen Einsichten:

"Nach meiner anfänglichen Angst und Distanzierung von all dem Elend konnte ich mich nach kurzer Zeit des Gedankens nicht erwehren, selbst eine Betroffene zu sein. Wie hoch wären meine Chancen, wenn meine Eltern nicht vor 25 Jahren ausgewandert wären? Wenn ich zufällig in Bosnien und nicht in Stuttgart geboren wäre? - Ich lernte mein zufälliges Glück kennen, in Deutschland zu leben, und ebenso das zufällige Unglück vergewaltigter Frauen, traumatisierter Kinder, kriegsverletzter oder amputierter Jugendlicher, meiner Generation, die ich vor zwei Jahren im ehemaligen Jugoslawien kennen lernte - schwatzend, gutgelaunt, sich in der Sonne räkelnd oder im Meer badend."

Nach diesen Erfahrungen, erschütternden Begegnungen und Gesprächen in Flüchtlingslagern und Krankenhäusern fällt die Vierundzwanzigj ährige eine Entscheidung, und das sehr spontan. Sie gibt ihren Beruf auf, ihre Wohnung, die sie nun auch nicht halten kann; sie zieht zurück ins Elternhaus. Zu Eltern, die glücklicherweise Sympathisanten sind, ihre Entscheidung mittragen, sich hinfort mit ungeteilter Kraft dieser jugendlichen Kriegsopfer anzunehmen...

Suzana: "Der erste Schritt war der schwerste. Es war so, dass ich mir gesagt habe: Ich kann nicht hier bloß zusehen, bei dem, was dort geschieht. Ich muss selber etwas tun."

http://www.kinderberg.org/

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Vollständiger Text in: Heimatblätter 9, Schorndorf 1992, S. 103 - 107