Das Wappen Schorndorfs

1986 - Ruth Braun
Laudatio von Hildegard Lüning

Preisträgerin - 1984 - Katharina Adler   Einstimmig haben wir beschlossen, mit dem Barbara-Künkelin-Preis 1986 Ruth Braun auszuzeichnen. Die Wahl ist uns leicht gefallen. Vergegenwärtigen Sie doch vorbildlich in unserer Zeit, was nach Stiftungsstatut die historische Barbara Künkelin war: "eine emanzipierte, sozial engagierte und tätig-fromme Frau"...

Zu Recht hat sich Ruth Braun verbeten, mit dieser Würdigung allein ihre Person ins Rampenlicht zu rücken. Und sie hat diesem Gebot - wie hier sichtbar - sehr anschaulich Nachdruck verliehen mit der Umrahmung durch ihre Mitarbeiterinnen im "Verein für Internationale Jugendarbeit", mit der Anwesenheit ihrer Großfamilie, den Programmbeiträgen der griechischen Tänzerinnen und der Vorsitzenden des Zusammenschlusses Evangelischer Frauenverbände. Diese "Frauenarbeit der Evangelischen Landeskirche in Württemberg" hat Ruth Braun für den Preis vorgeschlagen. So sitzt sie hier als Vertreterin einer Frauensolidaritätsbewegung, die sich rassistisch unterdrückten Schwestern im fernen Südafrika gleichermaßen couragiert zur Seite stellt wie gesellschaftlich missachteten Schwestern im nahen Türkenghetto von Stuttgart-Bad Cannstatt. Ruth Braun ist seit 30 Jahren in dieser Bewegung aktiv, deren Geschichte ins vorige Jahrhundert zurückreicht und von der ich soviel erzählen möchte, wie nötig ist, um das Gespann von Frömmigkeit und Emanzipation in den Griff zu bekommen.

Als Frauen in Europa anfingen, außerhäuslich berufstätig zu werden, junge Mädchen begannen, schon vor der Heirat ihr dörfliches Elternhaus zu verlassen, und arbeitsuchend in die industrialisierten Großstädte zogen, verschafften sich geschäftstüchtige Männer eine neue Einnahmequelle: Mädchenhandel. ... Es gab noch nicht einmal eine gesetzliche Grundlage zur wirksamen Bekämpfung des Mädchenhandels, als sich im September 1877 in Genf 32 christliche Frauen aus sieben europäischen Ländern zusammenfanden, um eine "internationale Kette zum Schutz unserer jungen Mädchen zu bilden".

Sie gründeten den "Internationalen Verein der Freundinnen junger Mädchen". Nationalvereine wurden bald darauf in Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz organisiert. ... All das wurde 1882 auch in Stuttgart angefangen. Und in der Nachfolge der Frauen, die damals dort den Mädchenhändlern das Geschäft vermiesten, steht unsere Preisträgerin Ruth Braun. Seit 1959 leitet sie die württembergische Landesstelle des "Vereins der Freundinnen junger Mädchen", der 1970 umgetauft wurde in "Verein für internationale Jugendarbeit", Untertitel: "Arbeitsgemeinschaft Christlicher Frauen"...

Diese Frauenbewegung hat tatsächlich ein unverwechselbares Profil, weil sie beides zugleich ist: fromm und emanzipiert. Wäre sie nur fromm (im gängigen Verständnis], dann ließe sie sich - damals wie heute - von den kirchenleitenden Männern sozial beschäftigen. Doch die "Freundinnen" haben von Anfang an selbstbewusst und eigenständig ihre Arbeit aufgebaut, deren Notwendigkeit sie selbst entdeckt haben und die unmittelbar anderen Frauen zugute kommt. Wäre sie nur emanzipiert, diese Frauenbewegung, hätte sie wohl kaum ihre Arbeit über ein Jahrhundert durchhalten und ständig aktualisieren können. Denn dazu brauchte und braucht sie die unterstützende Einbindung in eine Glaubensgemeinschaft, deren soziales Gewissen immer neu am Evangelium geschult wird, gerade auch im Fremden den Bruder und die Schwester zu erkennen...

http://www.vij-stuttgart.de/

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Vollständiger Text in: Heimatblätter 4, Schorndorf 1986, S. 110-116